Veranstaltung des Folkradio.ge im Rustaweli Theater am 30. April 2010 (Foto: Voell)
Veranstaltung des Folkradio.ge im Rustaweli Theater am 30. April 2010 (Foto: Voell)

Letzte Woche saß ich im Raum 421 des staatlichen Konservatoriums in Tbilisi und habe gesungen. Ich dachte eigentlich, dass ich jungen Menschen zuhören würde, die sich für einen kleinen Gesangskurs in traditioneller georgischer polyphoner Musik eingeschrieben hatten. Es ist eine beeindruckende Musik und widerspricht allen Vorstellungen von Folkmusik, die ja häufig mit einer gewissen ursprünglichen Einfachheit verbunden wird. Georgische Musik ist aber außerordentlich komplex (Emsheimer). Nato Zumbadze (Ass. Prof., International Research Center for Traditional Polyphony, Sängerin der Gruppe Mzetamze) drückte mir jedoch einen Zettel mit ein paar Textzeilen in der Hand. Ich setzte mich in die Bass-Stimme und schon begannen die Übungen zum Lied ch’ona. Ich hoffe, dass es keine Aufnahmen gibt. In meiner Erinnerung klang es gar nicht so schlecht. So soll es auch bleiben.

Traditionelle Musik ist nicht mein Forschungsthema. Im letzten Semester habe ich jedoch mit Bernard Poulelaouen, dem Marburger Lehrbeauftragten und Leiter des Centre du Patrimoine de la Facture Instrumentale (CPFI), ein Seminar zu Musik und Identität am Beispiel der georgischen polyphonen Musik gegeben. Morgen, am 2. Mai, werden sieben Studenten und Bernard zu mir nach Georgien kommen und sich zehn Tage mit der Frage nach der Rolle der traditionellen Musik Georgiens, besonders für die junge Generation, interessieren. Bernard machte in der Vergangenheit bereits mehrfach Exkursionen dieser Art, meist in das Baltikum und nach Karelien. Da mein Forschungsprojekt mich nach Georgien führt, wollten wir die Möglichkeit einer Exkursion nach Tbilisi wahrnehmen, während ich vor Ort bin.

Die polyphone georgische Musik spielt eine große Rolle für viele Georgier. Katharina Stadler schreibt: „Die Stellung von Musik ist in Georgien sowohl im kulturellen Gedächtnis als auch im alltäglichen Dasein herausragend. Keine zwischenmenschliche Begegnung, keiner Feierlichkeit ohne Gesang – es scheint als wäre Musik omnipräsent.“ Katharina forscht zum Thema Musik und Identität in Georgien und war bei der Vorbereitung der Exkursion sehr hilfreich.

Die georgische traditionelle Musik wurde 2001 von der UNESCO als masterpiece of oral and intangible heritage eingestuft. Traditionelle Musik kann man als wichtigen Teil georgischer Kultur aber auch als ein nationales Identitätsprojekt, bereits in der Sowjetzeit, betrachten. Die komplexe und zeitweise spektakuläre Musik würde, so Tsitsishvili, von georgischen Ethnomusikologen und der intellektuellen Elite als einzig wahre Musik des ländlichen Georgiens gesehen. Andere Musik jedoch, von nicht georgischen Minderheiten, würde nur kaum gefördert. Für Tsitsishvili ist die georgische Polyphonie und die Politik darum ein wichtiger Baustein des Aufbaus der der Pflege einer gesamtgeorgischen Identität. Doch eigentlich habe die traditionelle Musik nur noch wenig mit einer Musik aus den Dörfern gemein. In der Sowjetzeit wurde das Aufführen der traditionellen Musik sehr vorangetrieben, aber auch nationalisiert (oder besser „offizialisiert“) und gewissermaßen aus den Dörfern herausgetragen. In hochprofessionellen Ensembles wurden sie auf die städtischen Bühnen gebracht, doch die Musik in den Dörfern gibt es nur noch kaum.

Verschiedene Autoren, besonders Tsitsishvili, kritisieren das das dem Konservatorium zugehörendem International Research Center for Traditional Polyphony, das sie als Gralshüter der georgischen traditionellen Musik darstellt. Tsitsishvili meint, dass über den UNESCO-‚Titel’ Neuerungen, Änderungen und Weiterentwicklungen der traditionellen in Frage gestellt und abgelehnt würden. Sie argumentiert stark gegen die Meinung des Konservatoriums und den ‚Intellektuellen’, die georgische Kultur eher mit Tradition und Folklore assoziieren, und kritisch gegenüber der verwestlichten, und homogenisierten Musik stehen.

Ich finde das Thema sehr reizvoll doch solche Position wie Tsitsishvili etwas übertrieben. Hier erscheint das Konservatorium wie eine Musikpolizei. Auf meine Frage, was der UNESCO-Weltkulturerbe Status ihnen gebracht habe antwortete man mir im International Research Center for Traditional Polyphony recht offen: Geld fürs Institut. Das Konservatorium unterstützt uns sehr bei der Vorbereitung und Durchführung unserer Exkursion. Die Menschen im Konservatorium lieben ihre georgische Musik und gehen an sie heran wie an klassische Musik, deren Noten man auch nicht verändert. Sie haben schon eine genaue Vorstellung darüber, wie die Musik zu sein hat. Georgische polyphone Musik ist vielleicht auch zu einer Art ‚klassischen’ georgischen Musik geworden und Tradition ist nur ein Etikett bzw. eine hübsche Verpackung. Die Mitarbeiter sagen offen, dass sie diese oder jene Musik, die mit der Tradition spielt und sie verändert, nicht mögen. Doch sie machten uns beispielsweise auch darauf aufmerksam, dass wir auf jeden Fall Musikgruppen wie The Shin oder das Folklore Spektakel Erisioni ansehen sollten. Man würde sich dann auf Diskussion zum Thema Musik, Identität und Tradition mit uns freuen.

Das Thema Identität, Tradition und UNESCO ist aber spannend: Es gilt zu fragen, ob das UNESCO Weltkulturerbe-„Etikett“ – beispielsweise für traditionelle Musik – wirklich Traditionen erhält. Wird hier Tradition nicht eher festgezurrt und damit der Weiterentwicklung von Tradition, was ein entscheidender und lebenswichtiger Teil der Tradition ist, einen Riegel vorgeschoben?

Literatur:

Emsheimer, Ernst 1967. Georgian Folk Polyphony. In: Journal of the International Folk Music Council 19: 54-57.

Jordania, Iossif 1984. Le chant populaire géorgien: origines, évolution et tendances actuelles. In: Revue Interationale des Sciences Sociales 36, 3: 569-581.

Ninoshvili, Lauren 2009. The Poetics of Pop Polyphony: Translating Georgian Song for the World. In: Popular Music and Society 23, 3: 407-424.

Stadler, Katharina 2009. Political Exploitation of Georgian Identity in Contemporary Song [will be published in Caucasus Journal of Social Sciences]. Berlin. 11 pp.

Stadler, Katharina 2009. Zwischen staatlicher Integrität und ethnischer Autonomie: Identitätsfindung in zeitgenössischer georgischer Musik. In: Forschungsstelle Osteuropa (ed.): Das Ende des postsozialistischen Raums? (Ent-) Regionalisierung in Osteuropa: Beiträge für die 17. Tagung junger Osteuropa-Experten (Arbeitspapiere und Materialien, 104). Bremen: Forschungsstelle Osteuropa: 106-109.

Tsitsishvili, Nino 2009. National Ideologies in the Era of Global Fusions: Georgian Polyphonic Song as a UNESCO−Sanctioned Masterpiece of Intangible Heritage. In: Music & Politics 3, 1: 1-19.

Ziegler, Susanne 1993. Une perspective historique sur la polyphonie géorgienne. In: Cahiers de Musiques Traditionelles 6: 29-44.

Zukulidse, Anton 1974. Die georgische Musik. Tbilisi: Kulturministerium der georgischen SSR/Ghelowneba. 65 pp.

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