Linda in Tetritskaro (Foto: Voell)
Linda in Tetritskaro (Foto: Voell)

Es gibt sicher einige Ethnologen, die im Feld schlechter leben als wir. Aber ich habe kein schlechtes Gewissen. Das kleine Haus in Tetritskaro („weiße Quelle“) gehörte früher Griechen. Diese sind vor einiger Zeit emigriert. Der Sohn des griechischen Ehepaares hatte sich im Garten aufgehängt. Dort wächst hüfthoch Gras und die Nachbarn meinen, dass wir dort nicht hingehen sollten. Nicht wegen des bedauernswerten Griechen. Es gebe Schlagen. Der Sensenmann wollte aber vorbeikommen, ich meine den Nachbarn, der den Rasen mit der Sense schneiden wollte. Doch offensichtlich hat auch er Angst vor Schlangen. Oder vorm Griechen.

Doch der andere Teil des Hauses ist sicher. Bewacht von Linda, einem Retriever. Die wohnt schon immer hier und bekommt von meiner Kollegin Elke so unverschämt viel Aufmerksamkeit (und Essen), wie nie zuvor in ihrem Leben. Linda denkt wohl sie sei im Paradies. Sensenmann und Paradies liegen dicht beieinander. Ab nächste Woche ist Elke für drei Wochen nicht hier – dann wird das gute Tier mich wild schwanzwedelnd den ganzen Tag anbetteln. Doch die Nachbarin würde dem Hund wohl Nahrung geben. Ob sich Linda daran erinnert? Ein Nachbarshund, ein riesiger kaukasischer Hütehund (oder so ähnlich), kommt auch häufiger vorbei. Und bald kommen vermutlich auch viele kleine Welpen.

Im Haus lebte seit bald einem Jahr keiner mehr. Unser Vermieter hatte das Haus für seine Frau gekauft, denn diese hatte wohl Probleme mit ihren Lungen. Tetritskaro ist für viele Georgier ein Kurort, denn hier gebe es gute Luft. Sonst erinnert wenig an ein Kurort. Die Zimmer riechen etwas modrig, viel Staub musste entfernt werden. Wasserflecken und ein wenig Schimmel findet sich an Decken und Wänden, aber es hält sich in Grenzen. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Häusern hier, haben wir die Toilette im Haus, d.h. kein Plumpsklo hinter dem Haus. Das gibt es schon (allerdings vor dem Haus), aber es wird nicht benutzt. Wir haben eine richtige Toilette und eine Dusche, sogar mit Warmwasser. Wir haben sogar den ganzen Tag und die ganze Nacht Wasser. Das ist auch ein seltener Luxus hier. Bei der Nachbarin (einer Russin) können wir Milch, Käse und Matsoni (eine Art Joghurt) kaufen.

Die Nachbarn sind ohnehin sehr freundlich, zumindest wenn man sie versteht. Wir haben Russen, Armenier und Griechen. An einem kleinen Tisch an der Straße sitzen sie nicht selten und trinken Tee. Der Kaukasus, der Berg der Sprachen verdichtet sich an diesem Teetisch des linguistischen Wirrwarrs. Sie werfen ihre Sprachen in einen Cocktailbecher und schütteln. Was heraus kommt ist beeindruckend. Wir hängen ihnen an den Lippen um die georgischen Worte aus dem Redeschwall herauszufiltern, aber auch die russischen Wörter, die wir kennen. Irgendwie versteht man sich oder glaubt sich zu verstehen.

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2 Gedanken zu “Sensenmann

  1. Bitte diese interessanten Tierarten katalogisieren, fotographieren, quantifizieren, extrahieren und interpolieren. Ich will Fotos! Sonst glaube ich dir kein Wort von Schlangen. Ich habe auch in den Tropen keine einzige Schlange gesehen. Solange ich nicht den Gegenbeweis habe, halte ich das Geschwätz von Schlangen im Feld für einen Mythos!

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