Gold im Mund in Tetritskaro (Foto: Voell)
Gold im Mund in Tetritskaro (Foto: Voell)

In Google Maps habe ich das Dorf gefunden, in dem ich hauptsächlich forsche. Ich habe mir einen Ausdruck des Satelliten-Bildes gemacht. Nun habe ich sogar einen Plan von meinem Dorf. Es wurde Ende der 1980er Jahre auf dem Reißbrett geplant. Nach einer größeren Schneekatastrophe im Winter 1986/87 in Unter Swanetien, einer Region im Kaukasus-Gebirge, wurden die Menschen aus mehreren Dörfern aus der Region Lentekhi u.a. hier in „mein“ Dorf umgesiedelt. Es wurde extra für sie gebaut. Mein Projekt soll erkunden, inwieweit die sog. Swanen hier im Tiefland, fern von ihrem Hochgebirge, noch traditionelles Recht pflegen. In Swanetien, so die Quellen, scheint es noch allgegenwärtig.

Den Plan aus Google Maps zeigen wir den Menschen im Dorf nicht. Man schaut uns ohnehin sehr skeptisch an. Anfangs fragten sie uns, ob wir, mein Feldassistent Nika und ich, wegen der Wahl kommen würden. Ende Mai waren Regionalwahlen und es waren wohl einige Lokalpolitiker auf Stimmenfang im Ort. Nein, wir seien Ethnographen. Ah, sagen dann die Swanen, und nicken. In ihren Gesichtern erscheinen dann einige Fragezeichen. Aber Fragezeichen sind besser als dieser skeptische, durchdringende Blick, den sie sonst uns entgegen werfen. Selbst Nika wirkt eingeschüchtert und fragt ob „die“ böse auf uns seien.

Nun sind wir schon häufig im Dorf gewesen und man grüßt uns. Man ist nicht mehr böse. Mein Auto steht immer am gleichen Platz am Ortseingang, neben dem Kirchhof. So weiß das ganze Dorf, dass wir da sind. Es wäre albern, sich unauffällig verhalten zu wollen. Jeder weiß zu wem wir gerade gehen und wo wir gerade waren. Die Blicke sind immer noch da, weniger finster, eher etwas gleichgültig. Wir sprechen mit den Leuten und fragen sie über „swanische Tradition“ aus, um nicht direkt mit dem Thema Recht herauszuplatzen. Gespräch für Gespräch, Interview für Interview erhalten wir klitzekleine weitere Informationen, die sich (vielleicht) zu einem Bild zusammenfügen lassen, dass wir allerdings jetzt noch nicht kennen. Der eine oder andere (Rechts-)Fall kristallisiert sich langsam heraus. Wir haken bei verschiedenen Personen zu den Fällen nach. In den nächsten Wochen werden wir auch mit der Lokalverwaltung, dem Gericht, den Ordnungshütern etc. im Tetritskaro über die Fälle sprechen und ihre Sicht auf die Dinge hören. Doch zunächst sammeln wir so viele Informationen wie möglich im Dorf.

Übrigens ist mein Auto kein Argument: Ich hoffte, dass ich mit dem Auto einen einleuchtenden Grund vorzuweisen hätte, nicht nach jedem Gespräch im Dorf größere Mengen an Wein trinken zu müssen. Natürlich war das naiv. Was soll ich sagen? Die Straße hier ist leer, hat aber sehr viele Löcher. In welchem Zustand der Fahrer sich auch immer befindet, er muss immer Schlagenlinien fahren.

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