Weltmeisterschaft in Schwarzweiß (F: Voell)
Weltmeisterschaft in Schwarzweiß (F: Voell)

Ich erinnere mich nicht sehr gut an die 1970er Jahre. Zum Beispiel erinnere ich mich an das Ess- und Wohnzimmer in der kleinen Mietwohnung meiner Familie. Die Tapeten waren mit brauen Blumen bedruckt – wunderschön – und alles war irgendwie braun im Wohnzimmer damals. Zumindest erinnere ich mich so daran. Wir hatten auch einen Schwarzweiß-Fernseher. Aber nicht sehr lange. Mein Fußballtrainer hatte mir später mal erzählt, dass die Trikots beider Mannschaften deswegen so betont hell und dunkel seien, damit auch Menschen mit Schwarzweiß-Fernseher die Mannschaften unterscheiden könnten. Ich bedauerte damals die Menschen, die noch Schwarzweiß-Fernseher hatten. Ich habe damit mich bedauert, nur wusste ich das damals noch nicht ….

Es ist Weltmeisterschaft, auch hier in Georgien, und ich wollte das eine oder andere Spiel verfolgen. Wir haben einen Fernseher hier und eigentlich sollte alles kein großes Problem sein. Doch am Antennenkabel hängt ein kleiner Signalverstärker und seine Drähte mussten wieder angelötet werden. Ich stellte das Haus auf dem Kopf und suchte einen Lötkolben und wurde natürlich nicht fündig. Ich versuchte einen Nagel auf dem Gasherd zu erhitzen und damit zu löten, auch das führte zu keinem durchschlagenden Erfolg. Dann fing ich an zu basteln und versuchte, die kleinen Drähte mit Klebeband an die entsprechenden Stellen zu kleben. Das hat auch geklappt, doch es stellte sich heraus, dass irgendetwas an der Platine des Signalverstärkes nicht funktionierte. Vielleicht klappte auch die ganze Antenne nicht. Nun gut, sagte ich mir, dann eben keine Weltmeisterschaft.

Aber ich habe es nur eine Stunde ausgehalten. Dann bin ich nach Marneuli gefahren, einer kleinen Aserbaidschaner-Hochburg ca. 35 km von hier entfernt. In Tetritskaro waren es 29 Grad, in Marneuli 35 Grad, kurz vor dem Gewitter. Auf dem Weg dorthin schlängelten sich Schlagen über die heiße, löchrige Straße. Es war heiß und ich fragte mich, ob es das alles wirklich wert sei. Auf dem Markt spricht man kein Georgisch, nur Russisch (hier bekomme ich ein paar Brocken hin) und Azeri (hier verstehe ich rein gar nichts). Aber hier redet jeder mit den Händen und Füßen. Und so konnte ich auch nach einer neuen Antenne für meinen Fernseher fragen. Doch alle wollten mir Satellitenschüssel verkaufen. Eigentlich wäre das auch besser, doch ich will nur ein paar Fußballspiele sehen. Für eine Satellitenschüssel war mir der Aufwand zu groß. Satellitenschüsseln gab es zuhauf, aber keine Antenne. Ich fahre aus dem Backofen Marneuli wieder zurück ins luftige Tetritskaro. Dort kaufe ich nur kurz was im Lebensmittelladen ein und frage ohne Hoffnung auf Erfolg, ob es hier Antennen gebe. Tatsächlich, ich hätte gar nicht 70 km fahren müssen, es gibt hier Antennen. Ich kaufte eine, für wenig Geld.

Zurück im Haus sehe ich, dass die Antenne diesen Signalverstärker hat. Ich brauche nur den, nicht die ganze Antenne. Ich wusste nicht, dass man den auch einzeln kaufen kann. Ich schließe ihn an. Nun offenbarte sich das nächste Problem, diesmal am Fernseher. Nach ca. zehn Minuten Laufzeit wurde der Bildschirm schwarz. Wenn der Fernseher sich kurz ausruht, dann kann ich wieder ein paar Minuten schauen. Früher hätte ich den Fernseher aus dem Fenster geworfen. Doch Georgien hat mich ruhiger gemacht. So schaute ich mir das erste Deutschland-Spiel in Intervallen an. Zehn Minuten schauen, dann Pause, anschließend wieder ca. zehn Minuten schauen. Ich habe tatsächlich kein Tor verpasst.

Mein Kollege Lavrenti kam mir zu Hilfe. Heute brachte er mir einen kleinen Fernseher. Er hat ihn mühevoll von Westgeorgien mit einem Minibus zu mir geschleppt. Ich konnte nichts Schlechtes über den Fernseher sagen. Er ist auch noch „Made in China“ und dazu steht auf der Rückseite vermerkt „with original Japanese parts“. Was kann da schon passieren? Doch der Fernseher (der gar nicht so alt ist) ist Schwarzweiß, unscharf, kontrastarm und insgesamt eine Katastrophe. Graue Punkte huschen über das Bild – man erkennt vage Fußballspieler. Und offensichtlich geht man in Südafrika davon aus, dass jeder einen Farbfernseher hat, denn die Mannschaften sind nicht mehr zu unterscheiden. Ich bin mir sicher, dass meine Nachbarn alle Satellitenschüsseln haben, und Farbfernseher, wahrscheinlich Flachbildfarbfernseher. Ich habe nur diesen schlechten Schwarzweiß-Fernseher, aber wenigstens keine braune Blümchentapete. Nun höre ich die WM im Radio.

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