Zu Gast beim Ortsvorsteher (links) und beim Stadtverordneten (Mitte) (Foto: N. Loladze)

Das Problem mit der Forschung bei den Swanen ist das Trinken. Das ist wirklich lästig. Gastfreundschaft ist hier sehr wichtig. Aber ist es wirklich Gastfreundschaft und nicht eine Verteidigungsstrategie gegen neugierige Ethnologen?

Meist versuchen wir (mein Feldassistent und ich)  mit den Menschen nicht in ihre Häuser zu gehen und bitten sie, dass wir uns doch in den Hof setzen. Dort stehen immer eine Bank oder ein paar Hocker. Denn wenn wir direkt in das Haus gingen, dann würde der Tisch sofort gedeckt werden. Da wir mit vielen Menschen sprechen, und das auch mehrmals, versuchen wir bewusst, immer im Hof des Hauses zu bleiben. Es ist uns unangenehm, immer die Gastfreundschaft der Leute in Anspruch zu nehmen. Und das nicht nur wegen des Alkohols, sondern vor allem auch weil wir wissen, dass die Mehrzahl der Familien recht wenig begütert sind und dennoch den Tisch für den Gast aus Deutschland überfrachten.

So sitzen wir meist im Hof und sprechen mit den Menschen. Das ist der „offizielle“ Teil des Treffens. Doch irgendwann ist das Ende des Gesprächs gekommen. Dann kommt der große Moment. Es folgt die Einladung in das Hausinnere, der „inoffizielle“ Teil des Gesprächs (für die georgische Gastfreundschaft ist dies jedoch der deutlich wichtigere Teil unseres Besuches). Mal schaffen wir es uns herauszureden, dass wir keine Zeit haben usw., doch mal sind die Gastgeber so fordernd, dass wir mit ins Haus müssen. In der Regel ist das dann der Fall, wenn die Frau des Hauses unbemerkt schon den Tisch gedeckt hat. Dann hilft auch nicht mehr das Argument, dass wir mit dem Auto da sind. Es wird allerhöchstens noch darüber gesprochen welche Farbe mein Auto hat, welches Fabrikat und über die Qualität der georgischen Straßen geflucht.

Das Betreten des Hauses ist aber auch für die Forschung sehr störend. Wenn wir am Tisch sitzen, dann kommt kein Gespräch mehr zustande. Es gibt einen Toast nach dem anderen. Viele habe schon über die Abfolge dieser Toast geschrieben. Und da ich mich für swanische und damit auch georgische Traditionen interessiere halten es unsere Gastgeber mit den Toasts sehr traditionell. Toasts auf Gott, Friede, Freude, Eierkuchen, Kinder, Frauen, Geschwister, Eltern, Großeltern, deutsch-swanische Freundschaft, deutsch-georgische Freundschaft, swanische Kultur, mich, meine Feldassistenten, usw. Diese Gelage sind meist dann am längsten, wenn der „offizielle“ Teil des Interviews übergangen wurde und wir über den Hof direkt zu Tisch gebeten wurden. In der Regel passiert es gerade bei jenen Personen, von denen wir denken, dass sie im Dorf Meinungsführer sind und uns eventuell etwas mehr über das Dorfleben erzählen könnten. Doch unsere Fragen werden direkt mit Wein und Wodka gelöscht. Man müsste eher sagen die Fragen und die Fragensteller werden ertrunken.

Wir sind so langsam der Meinung, dass dies Methode hat. Diese Gelage häufen sich nämlich mit der der Dauer meiner Forschung. Offensichtlich denken die Menschen, dass ich nun langsam genug weiß (oder eben zuviel) und so werden wir direkt über den Hof, ohne auch nur eine sinnvolle Frage loszuwerden, an den Tisch geführt, nach allen Regeln der Kunst abgefüllt, ruhig gestellt, und dann wieder nach draußen gebracht. Dabei hören wir so Sprüche wie „Du gehörst ja fast schon zur Familie!“ und dass dies entsprechend begossen werden müsse. Am tiefsinnigsten sind die letzten Toasts bei Tisch: Es wird auf mein Buchprojekt angestoßen, auf das tolle Thema das ich habe, der tolle Forscher der ich sei, und dass ich viele Informationen bekommen sollte, und dann wird wieder angestoßen. Betäubt und weggelobt.

Jemand sagte mir, dass ich glücklich sein sollte. Diese vielen Gelage, an denen ich teilnehmen darf, würden doch zeigen, dass ich schon mittendrin sei in der georgischen Tradition. Ich bin anderer Meinung. Diese Gelage sind Abwehrkämpfe, die mich davon abhalten sollen, mich tiefer blicken zu lassen. Diese Gelage sind tiefe hinterhältige Wein- und Wodkagräben um die kostbar gehütete Trutzburg der georgische Tradition. Ich muss da irgendwie durch, doch ich weiß noch nicht wie. Hicks!

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8 Gedanken zu “Ich muss da irgendwie durch, doch ich weiß noch nicht wie

  1. Allerdings habe ich in 5 Jahren Studium in Baku unzählige ähnlicher Gelage in aserbaidshanischen, armenischen, jüdischen und georgischen Haushalten hinter mich bringen müssen, ohne auch nur eine Frage nach den Traditionen gestellt zu haben. Höfe gab es dort nur in wenigen Fällen, und wenn ja, wurde das Gelage dort veranstaltet. Ich hätte dem damals auch gar nicht ausweichen wollen – war ja kein Forscher, sondern nur ein durch und durch fauler und versoffener Student.

  2. Vielleicht stecke ich dann doch mitten drin in der Tradition. Mein Prof meinte einmal, dass die Swanen vielleicht ihre Tradition deswegen aufrecht erhalten, einfach weil sie gerne trinken. Ich sollte nicht immer im Politischen oder so suchen. Vielleicht hat er Recht.

  3. Verrate doch: Ist das nachbearbeitet oder wie kommt dieser lustige Effekt im Bild zustande?

    Dass man zu wenig auf solche Rituale vorbereitet wird, ist schon klar. In Ghana muss man im Zweifelsfall auch Akpeteshie mitbechern, es sei denn man wäre ein Pfingstkirchler. Ich konnte es vermeiden – dagegen zwei eiskalte Star-Biere am Abend und dann die Straße beobachten: köstlich. Nie war ich so teilnehmend und so beobachtend…

    1. Eigentlich war nur das Gegenlicht besonders stark. Eigentlich gehen solche Fotos in die Hose, aber die Strahlkraft meines georgischen „Freundes“ ist eben groß. Ich habe, glaube ich, am Kontrast etwas gespielt.

  4. Dieser sogenannte „Forscher“ bildet sich ein, die Wahrheit zu kennen. Mein Gott nochmal -„andere Länder andere Sitten“. Meine Grosseltern stammen aus Oberswanetien, ich bin in Niederswanetien geboren und aufgewachsen. Allerdings hab ich in Tiflis Germanistik abgeschlossen und bin(studiere) seit 5 Jahren in Deutschland.Dadurch werd ich aber nicht soweit gehen, die Deutschen auszulachen, wenn sie die Gäste manchmal nicht mal Wasser anbieten wollen. Auserdem, Frauen flörten überall in verschiedener Art,was Herr Voell sehr peinlich findet von Swanen, aber zuerst soll er lieber auf deutsche Frauen gucken. Naja, andererseits verstehe ich: es war bestimmt ein „Kulturschok“, strenge Natur, Die Leute arbeiten hart, körperlich. Sie sind genauso Wertvoll (oder wenn herr Voell so will-genauso Wertlos)wie die Deutsche.Die Swanen lassen sich von niemanden provozieren. Ich wünsche ihn grosse Fortschritt in seiner Forschung, und nicht so hofnungslose und brotlose Kunst.

    1. Ich danke Ihnen für diese deutliche Reaktion, die mich aber etwas verwundert. Ich wollte mich keineswegs über Swanen lustig machen, ganz im Gegenteil, ich habe mich gefreut, mit ihnen zusammenarbeiten zu dürfen. Ich habe sehr gastfreundliche, zurecht stolze und freundliche Menschen kennengelernt. Es tut mir leid, wenn mein Blog einen schlechten Eindruck hinterlässt. Dies sollte nicht passieren. Der „sogenannte Forscher“ wird im Übrigen nie „die Wahrheit“ herausfinden. Ich kratze nur an der Oberfläche. Viele Grüße, Stéphane

  5. Na dann istja die Welt wieder in Ordnung und tut mir wiederum Leid, wenn ich überreagiert habe. Wir Swanen sind nun mal sehr direkt und spilen wir mit offenen Karten,dadurch gibt es auch viele Witze über uns in Georgien. Natürlich gibt es auch paar Bescheuerten bei Swanen, die an Blutrache und solchen Mist denken, aber gibt es irgendwo ein Platz auf der Erde, wo nur Perfekte Menschen leben?-Die antwort lautet-Nein, Niemand ist perfekt. Also schöne Grüsse und weiter „kratzen mit Wahrheit“. Ich hab mich oft gefragt-wer sind wir Swanen eigentlich? und wäre doch schön, wenn sie des rausfinden schaffen

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