Kirche in dem swanischen Dorf, in der vielleicht bald eine Hochzeit stattfindet (F: Voell)
Kirche in dem swanischen Dorf, in der vielleicht bald eine Hochzeit stattfindet (F: Voell)

In dem swanischen Dorf, in dem ich forsche, sind irgendwie alle miteinander verwandt. Neue Partner findet die junge Generation kaum in der Nachbarschaft. Aber auch in den anderen swanischen Dörfern in der Region Kvemo Kartli wohnen Verwandte und es scheint nur selten eine Heirat möglich. Ich blicke nicht mehr durch, wer mit wem verwandt ist. Ich hatte mir auf meinen Rechner ein Programm zur Erfassung und Darstellung von Verwandtschaftsverhältnissen installiert. Verwandtschaftssysteme waren einst die Königsdisziplin der Ethnologie (und das lange bevor die Forscher Computer mit im Feld hatten). Das ist nicht mehr so und vielleicht ist das schade . . . Die Swanen selbst sind ausgezeichnete Verwandtschaftsethnologen. Zur Gründung einer Familie müssen sie dieses Wissen haben. Deswegen freuen sich die Swanen auch ungemein über unseren Besuch!

Zunächst dachte ich, das Interesse gelte mir. Ich bin doch ein Ausländer, die es hier nur selten hin verschlägt. Ich interessiere mich für ihre Kultur und ihre Tradition und will ein Buch über diese Dörfer schreiben. Natürlich, man empfängt mich mit der ganzen georgischen Gastfreundschaft. Aber eigentlich bin ich völlig unwichtig. Das ganze Dorf hat es auf meinen 22-jährigen georgischen Feldassistenten abgesehen. Er ist mit niemandem hier verwandt. Er hat zwar eine Freundin in Tbilisi, aber das stört hier keinen. Die Swanen jubeln! Ein möglicher Heiratspartner ist in Sicht!

Wir führen ein Interview mit einem älteren Herrn, der uns alle Fragen eingehend beantwortet. Die Familie ist von einer Offenheit und Herzlichkeit, die beeindruckt. Am Tisch sitzen wir mit dem alten Mann und seiner Frau. Auf dem Sofa sitzt seine Tochter (die eigentlich seine Enkeltochter sein könnte, aber gut …). Nach einem langen, sehr guten Gespräch wollen wir uns verabschieden. Dann passiert es, die Dame des Hauses preist meinem Assistenten ihre Tochter an. Wir werden verabschiedet dem Satz „Kortsili ikneba!“ (Es wird eine Hochzeit geben!).

Wenige Tage später sitzen wir bei einer anderen Familie. Die Dame des Hauses hört, wie mein Feldassistent und ich Englisch miteinander sprechen. Sie versucht ihn direkt für die Schule im Ort anzuwerben: Es gebe keinen Englischlehrer, der aber dringend gesucht werde und auch eine Wohnung sei vorhanden. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass auch eine Frau schon vorhanden sei und erntete böse Blicke. Frau, Job und Wohnung. Wie kann man da ablehnen? Ich würde auch neue Einblicke in das Dorfleben erhalten. Doch mein Begleiter protestiert mit einem Verweis auf sein Gehalt . . . Wir waren später bei einer anderen Familie. Wir sprachen mit den Eltern von zwei (vielleicht noch etwas jungen) Töchtern, die beide meinen Assistenten wie ein Honigkuchenpferd angrinsten. Mein Begleiter versuchte sich auf das Gespräch zu konzentrieren, war aber sichtlich nervös. Ich mache mir langsam Sorgen, dass ich meinen Helfer im Feld noch vor Abschluss der Forschung „verliere.“

Im Dorf gibt es eine neue Entwicklung. Im Zentrum steht ein halbfertiger Rohbau. Wir fragten die Swanen, was das für ein Gebäude sein wird, denn die Ausmaße sind doch stattlich. Der Bau soll ein Hochzeitssaal werden, der aber auch für andere Feierlichkeiten genutzt werden kann. Aus irgendeinem Topf gab es Geld und die Dorfbewohner dachten, so ein Hochzeitssaal würde dem Dorf gut stehen. Nun versucht mein Assistent am Fortschritt des Baus abzulesen wie viel Zeit er noch hat, bevor das Dorf verlassen muss oder es nie mehr verlassen kann. Und ich bin froh, dass meine Frau damals auf den (von mir im Dorf offensiv zur Schau gestellten) Ehering bestanden hat.

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Ein Gedanke zu “Es wird eine Hochzeit geben!

  1. Hey Stéphane,

    wusste gar nicht was für eine tolle Page Du da hast. Gefällt mir sehr, muss ich unbedingt mal im Urlaub ein bisschen rumstöbern.

    viele Grüße aus dem regnerischen Marburg
    Niko

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