St. Patrick College in Maynooth, Irland (F: Voell)
St. Patrick College in Maynooth, Irland (F: Voell)

Während meines Vortrages blickte ich auf die große Menge an Zuhörern. Es waren sieben oder acht Personen in meinem Workshop. Dazu hatten wir einen großen Raum von den Organisatoren von der EASA-Konferenz zugewiesen bekommen. Wahrscheinlich hätten fünfzig Personen in dem Raum gut Platz gefunden. Und da stand ich nun und redete während eine entschuldigend lächelnde Studentin, die von der Konferenzleitung für unseren Raum eingeteilt war, immer wieder Stühle aus dem Saal trug, denn die Sitzplätze im Nachbarraum waren nicht ausreichend. Lohnt sich der ganze Aufwand, die Vorbereitung, die Organisation des Workshops? Irgendwann während des Vortrags war es mir dann egal und ich habe mir vorgestellt, es seien viele Menschen anwesend. Es war ein wenig wie damals, als ich mit siebzehn mit der E-Gitarre auf einer Schulbühne stand und mich umjubelt im Wembleystadion vorstellte. Ich hoffe allerdings sehr, dass sich die Qualität meines „Auftritts“ seit damals entscheidend gebessert hat. Die Größe des Publikums ist gleich geblieben.

Es war eine eigenartige Reise. Alle vier Projektmitglieder sind direkt von Georgien zur Tagung der European Association of Social Anthropologists nach Irland (Maynooth) geflogen. Von Tbilisi waren wir einen ganzen Tag nach Maynooth unterwegs. Das ist ein kleines Kaff in der Nähe Dublins, mit ca. 10,000 Einwohnern. Vielleicht sind es auch ein wenig mehr. Es war schon mutig, die EASA-Konferenz auf der grünen Wiese zu organisieren. Aber es hatte seinen Reiz.

Ein Student sagte mir, dass von den über 1,000 Konferenzteilnehmern ca. 650 auf dem Campus wohnen würden. Die Zimmer in den Studentenwohnheimen hatten den Charme von Gefängniszellen. Als ich im Jahr 2000 in Albanien für einen Sprachkurs war, wohnte ich unter ähnlich spartanischen Bedingungen. Damals dachte ich, dass sei sozialistischer Schick, doch dieser Gedanke war kurzsichtig. Es ist eine Rückbesinnung auf die wahren Werte im Studentenleben: Beton mit Schreibtisch. Nichts soll die Studenten vom Studieren abhalten. Einzig eine Internetverbindung wurde zugelassen (die es in Albanien nicht gab, aber das war 2000 auch noch ein wenig früh dafür). Der Reiz des Wohnens in diesen Zellen bestand besonders darin, dass viele Kolleginnen und Kollegen unterschiedlichen akademischen Ranges ähnlich untergebracht waren (also doch sozialistischer Schick?) und auch in der Hoffnung, dass es nur eine Woche dauert. Ich kann mir ehrlich gesagt kaum vorstellen, ein ganzes Studium dort zu verbringen.

Doch die Konferenz war wirklich gelungen. Es sei die größte Konferenz der EASA gewesen. Ich suche noch nach den passenden Adjektiven, um sie zu beschreiben: Diese große Menge an Teilnehmern auf diesem Campus in dieser kleinen Stadt, diese Unmengen an Workshops, an Vorträgen von ernüchternd banalen Themen zu Präsentationen (nun zitiere ich einen Kollegen), die wohl unter dem Einfluss von LSD zustande gekommen sind. Alle frühstückten an einem Ort, alle aßen an einem Ort zu Mittag und niemand konnte fort: Wohin denn auch? Die Stadt ist so klein und Dublin vierzig Minuten entfernt. Allabendlich ist die Konferenz in die wenigen Kneipen auf der Hauptstraße eingefallen, die wohl das Geschäft ihres Lebens machten.

Im Vorfeld der Tagung hatten zwei Forscher ihren Vortrag in meinem Workshop abgesagt. Das war schade und etwas nervig. Ich will mich aber nicht zu sehr beschweren. Es waren nur wenige Personen da, doch es kam zu einer anregenden Diskussion, die ich in größeren Workshops häufig nicht gesehen habe. Aber bei der nächsten EASA-Tagung im Juli 2010 in Paris-Nanterre werde ich wohl keinen Workshop anbieten, sondern nur einen Beitrag einreichen, den ich dann erst mal wieder absage, um dann doch zu kommen, aber mit einem Paper, das nichts mit dem eingereichten Abstract zu tun hat. Dann werde ich meinen Vortrag um zwanzig Minuten überziehen, meine Workshopleiter dabei ignorieren und die Fragensteller brüsk darauf aufmerksam machen, dass sie doch erst einmal meine Publikationen lesen sollten. Und da die nächste Tagung in Frankreich ist halte ich meinen Vortrag auch noch auf Französisch. Und jetzt gehe ich ins Mantra

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2 Gedanken zu “Mantra

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