Während meines Studiums der Völkerkunde/Ethnologie nervte mich mein späterer Doktorvater richtig. Er zwang uns immer – scheinbar übertrieben – die Formen des wissenschaftlichen Arbeitens einzuhalten. Penibel korrigierte er sogar das Deckblatt der Hausarbeiten. Er schien derart auf Form bedacht, dass man den Eindruck gewinnen konnte, dass der Inhalt eines Textes völlig unwichtig sei, so lange die Form stimme. Sein Interesse galt besonders dem richtigen Belegen oder dem korrekten Literaturverzeichnis.

Als ich studentische Hilfskraft war, es war wohl 1997, sollte ich einmal einen Literaturrechercheauftrag für ihn durchführen. Ich tat dies und händigte ihm die Literaturliste aus. Kurze Zeit später bestellte er mich zum Rapport auf dem Flur des Fachgebiets, vor vielen anderen Studierenden. Ich sollte die Liste nochmals bearbeiten, denn ich hätte die Angabe der Gesamtseitenanzahl bei Büchern vergessen. Etwas genervt beschwerte ich mich, ob die Literaturliste irgendeine Strafarbeit gewesen sei. Dann machter er mir in wenigen Worten deutlich, worauf es bei ihm ankomme: Als Ethnologe forsche man in der Regel an entlegenen Orten, meist alleine, und niemand könne dann überprüfen wie man an diese oder jene Information gekommen sei. Deswegen lege er einen so großen Wert darauf, dass die Studierenden bereits im Studium erlernten, ausgesprochen korrekt mit Quellen umzugehen. – Das, was er mir damals sagte, wiederhole ich in meinen Seminaren heute regelmäßig.

Die Reise in die Feldforschung beginnt unter dem Zitierstrich der studentischen Seminararbeiten. Hier wird der Grundstein für die Feldforschung gelegt. Allgemein gilt in der Wissenschaft, dass die Qualität einer Arbeit eng an die Sorgfalt unter dem Zitierstrich gekoppelt ist. Noch allgemeiner könnte man formulieren: So wie man zitiert, so arbeitet man auch. Gilt das auch für das prominente Beispiel in den Medienberichterstattungen der letzten Tage?

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7 Gedanken zu “So wie man zitiert, so arbeitet man auch

  1. Nun, nun, Herr Voell, ich stimme ja zu, ich stimme ja zu, es erleichtert uns alle, wenn die Fußnote uns sagt, dass man dieses oder jenes ganz gewiss bearbeitet habe und sich im despektierlichen Raum befindet. Nur: es könnte ja sein, dass man gerade im unbeobachteten Raum der Feldforschung dann endlich dem Verdrängten Raum gibt, die Zitate, ohnehin in fremden Sprachen nur halb verstanden, schleift bis zum passenden Zweck, um dann um so akribischer mit schlechtem Gewissen Studenten den Verweis bis hin zum Kinderbuch, aus dem das Wissen über den richtigen Angelhaken oder jenes über Ebbe und Flut stammt, durchzuführen.
    Was fehlt: Eine Diskussion um die Zitierweise von verzahlreichten Medienformen zwischen Blog, Wikipedia, Website, dem Erkenntnisgewinn aus freien Kunstformen, etc. Die meisten Zeitungen holen sich ihre Meinungen heute aus Blogs wie diesem. Natürlich plagiiert.
    Und in Zeiten von Quartärliteratur, in denen man Wiederkäuer Derridas und Guattaris kennen muss bevor man überhaupt wagt, die „veralteten“, „dekonstruierten“ Quellen, die den bescheidenen Erkenntnissen jener doch zugrunde lagen, anzugehen, müsste man wirklich mal eine Methodendiskussion vom Stapel brechen. Dann würde dem freien Gedanken, der immer irgendwo plagiiert, vielleicht wirklich mehr Zeit gelassen, sich mit ernstzunehmenden Zitierungen zu befassen und nicht mehr jeden logischen Schluss, den man eigentlich selbst ziehen könnte mit 17 Fußnoten absichern, um nicht in den Ruch eines unbelesenen Gecken zu kommen. Heute wird nicht aus methodischer Korrektheit zitiert, sondern um einen Popanz der Belesenheit, des Günstlingtums, der Gefälligkeitszitate, der intellektuellen Kriecherei vor markttauglichen Aktualitätsfetischen, wenn sie mir dieses harsche Wort erlauben, weiter zu füttern.

    1. Ach ja, lieber Herr Riedel, auch das ist nicht falsch. Ich schrieb eigentlich nicht von Fußnoten, sondern von Belegen. Fußnoten sollten man vermeiden. Wichtiges gehört in den Text und nicht versteckt in eine Fußnote. Ihre fundamentale Fußnotenkritik führt nicht sehr weit. Die Worte klingen etwas frustriert. Haben Sie da wohl kürzlich vergessen jemanden zu zitieren 😉 ts ts ts

      1. Nein, ich vergesse nie etwas zu zitieren, eher vergesse ich im Literaturverzeichnis dann das Buch anzugeben, ärgerlicherweise gleich fünfmal bei meiner Magisterarbeit in der Publikationsfassung. Sowas passiert.
        Fußnoten sind wunderschön und viel besser als die Klammerbelege im Text, die zu einigen ganz garstigen Schriftbildern führen. Die ganze Welt sollte in Fußnoten Literaturangaben machen.
        Ich schrieb auch von Belegen. Was ich belegen könnte, aber es steht ja recht deutlich da.

  2. Ich dachte, mir passiert das nicht; aber nun sehe ich, dass ich nicht zu Ende gelesen und den letzten Satz nicht zur Kenntnis genommen hatte. Aber das ist eine läßlich Sünde – es gibt ja sogar Doktorväter, die lesen die Arbeiten ihrer Schützlinge nicht richtig.

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