Natürlich war ich als Ethnologe und nicht als Familienvater beim gestrigen Rosenmontagsumzug in Marburg. Ich ging zum Beobachten dort hin und nicht zum Feiern. Ich bin alles andere als ein großer Karnevalsfan, doch komme ich aus dem Rheinland und bin mir nicht sicher, was ich von dem Schauspiel in Marburg halten sollte. Ich will nicht vergleichen, denn natürlich ist der Marburger Rosenmontagsumzug ein Trauerzug verglichen mit jedem Dorfumzug im Rheinland. Beeindruckend war etwas anderes: Wir standen nun vor dem Kindergarten und betrachteten den Umzug („Papa, warum Umzug? Wo ziehen die denn hin?“, fragte meine Tochter. „Hoffentlich weit weg,“ dachte ich.). Hier gab es etwas Interessantes zu beobachten: Vermutlich ist der Marburger Umzug der einzige Umzug weltweit, dessen integraler Bestandteil die Straßenreinigung ist. Wenige Meter nach dem letzten Wagen des Marburger Rosenmontagsumzugs kam die orangene Kolonne der Straßenreinigung. Es wäre doch besser, den Zug eine halbe Stunde vorauseilen zu lassen, um dann in aller Ruhe die unglaublich riesigen Müllberge zu beseitigen. Doch nein, es wurde sofort zurückgeschlagen. Viele kleine Kinderhände, die hastig Bonbons, Lutscher und Popcorntüten einzusammeln suchten, konkurrierten mit den gefährlich rotierenden Bürsten der Straßenreinigung um die Herrschaft der Straße. Während die „Motivwagen“ des fröhlichen Marburger Karnevals rechts und links von meist ebenfalls in orange gekleideten Ordnern abgesichert wurden und sorgsam auf jedes Kind aufgepasst wurde, das sich auf der verträumten Bonbonsuche den Wagen ein wenig zu sehr näherte, waren die orangenen Monster der Stadtreinigung „unbewacht“ und fuhren einfach ohne Ordner durch die nur sehr zögerlich zurücktretende „Menschenmenge“. Warum gab es bei der Stadtreinigung keine Ordner? Deren Wagen sah ich als größeres Sicherheitsproblem an. Aber vielleicht waren das keine Stadtreinigungsfahrzeuge sondern moderne Bonbonaufsammelmaschinen einer geheimen Bonbongierigen Organisation, die als Beifang Kinder miteinkalkulieren. Abgesandte unserer familienfreundlichen Stadt können das nicht gewesen sein.

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Ein Gedanke zu “Rosenmontag in Marburg

  1. Jetzt zitiere ich Dich mal, Stéphane: „Die Ethnologie wird gerne als „Wissenschaft vom kulturell Fremden“ bezeichnet. Doch was ist fremd und exotisch genug, um von der Ethnologie untersucht zu werden? Etwas Exotisches ist etwas als fremd Wahrgenommenes und Außergewöhnliches.“
    Schön, dass Du die Marburger – zumindest beim Karneval – exotisch genug fandst! Und das bei dem Risiko mit der Marburger Stadtreinigung!

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