Ich beschäftige mich schon einige Zeit mit dem Südkaukasus. Auch habe ich mich zu den Konflikten in der Region eingelesen und mit Menschen vor Ort darüber gesprochen. Aber alles bleibt in der Regel relativ abstrakt. Gerade der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan ist für mich sehr weit. Seit Anfang der 1990er Jahre gibt es in der Region ein Status Quo und bei der Auslosung der Qualifikation für Fussball-Welt- oder Europameisterschaften wird immer gesagt, dass die beiden Länder nicht in einer Gruppe landen sollten. Die Gefahr ist gering, dass sie weiterkommen und sich dann treffen. In Tbilisi traf ich immer wieder auf armenische und aserbaidschanische Wissenschaftler, auch im selben Raum, und es wirkte nichts Künstliches oder Besonderes daran.

Nun, wir bereiten ein Projekt zum Thema Konflikt im nächsten Jahr vor, d.h. wir schreiben an einem Antrag für die Finanzierung. Nachdem wir dieses Jahr ein Symposium in Tbilisi veranstalten werden, wollten wir im nächsten Jahr nach Armenien gehen. Doch das wird nicht gehen. Kein Aserbaidschaner würde nach Eriwan kommen, und auch nicht umgekehrt. Nach dem Gesetz ist dies wohl möglich, doch in der Praxis ist das nicht vorstellbar.

Eine Kollegin aus Aserbaidschan erzählte mir, dass sie kürzlich in Armenien war. In Armenien gab es keine Probleme. Aber keiner in Aserbaidschan, nicht einmal gute Freunde von ihr oder sogar Familienangehörige wüssten von ihrem Aufenthalt in Armenien. Wenn sie es wüssten wäre es sehr wahrscheinlich, dass sie ihre akademische Karriere in Baku nicht mehr fortsetzen könnte. Es komme wohl auch vor, dass die armenischen Grenzposten auf einen Stempel im Pass von Aserbaidschanern verzichteten, wenn diese in das Land einreisten. Doch wenn Aserbaidschaner aus Georgien nach Armenien einreisen, und damit den georgischen Ausreisestempel im Pass tragen, aber keinen Einreisestempel eines Nachbarlandes vorweisen können, dann weiß man in Aserbaidschan wo man gewesen ist.

Wir werden unsere Veranstaltung wohl in Akhaltsikhe durchführen, in Südgeorgien. Natürlich nur wenn unser Projekt akzeptiert und finanziert wird. Die aserbaidschanische Kollegin meinte, dass ich bei Reisen nach Armenien und Aserbaidschan jeweils meine zwei Pässe (D/F) benutzen sollte.

Es sei eigentlich kein Problem, aber so würde man möglichen Fragen aus dem Weg gehen. Nach 40 Jahren erkenne ich endlich einen Sinn für meine doppelte Staatsangehörigkeit

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