Keine Sorge, es nicht noch nicht so weit. Ich bin nur dabei, das studentische Forschungsprojekt Caucasus, Conflict, Culture 3 (CCC3) zu planen. Und in diesem Zusammenhang bittet mich die Uni, dass ich mein Testament schreibe und sie selbst als Erbin einsetze. So ungefähr, zumindest.

In diesem Jahr findet die dritte Veranstaltung im Rahmen der Projektreihe Caucasus, Conflict, Culture (CCC) statt. Dafür bewilligte der DAAD zum dritten Mal Geld. Im Oktober 2011, zu CCC1, haben wir der georgischen Organisatorin einen fünfstelligen Betrag überwiesen. Es war ein 2 am Anfang. Das Geld von der Uni kam zunächst direkt auf das deutsche Konto meiner Kollegin (bei der „größten deutschen Bank“). Vor dort sollte es nach Georgien überwiesen werden. Virtuell kam es bei der Bank in Tbilisi an (es sei „da“, versicherte man uns) und wir standen reell am Schalter. Mittlerweile waren wir alle in Georgien. In der Bank warteten wir auf die Auszahlung, doch es fehlte angeblich auf der Überweisung eine „Null“ und das Geld wanderte wieder zurück nach Deutschland. Die georgische Bank wüsste zwar, für wen das Geld sei, aber die Null sei nicht da. Da könne man nichts machen. Meine Kollegin sollte doch einfach in Deutschland zur Bank gehen und das Problem lösen. Doch die Kollegin stand gerade in Tbilisi in der georgischen Bank und hatte das Problem.

Nach einigem Hin- und Her und Drohungen an die Bank in Deutschland klappte es doch. Die Betrag war da, auf dem georgischen Konto. Darüber sollten nun alle Ausgaben des Workshops in Georgien beglichen werden. Damit der georgische Staat allerdings nicht direkt 20% Steuern abzieht – das macht er wohl bei Geldeingängen auf dem Konto – mussten alle Ausgaben belegt werden. Belege sind an sich nicht verwunderlich,  doch diese Nachweise mussten sehr genau erfolgen. Alles musste über Verträge erfolgen. Beispielsweise reichte es selbst bei der Bezahlung von wenigen Kopien nicht aus, die Quittung des Kopierladens einzureichen. Es musste immer ein Vertrag (mit Passnummer, Adressen, Art des Geschäfts) aufgesetzt und in einem weiteren Schritt die Erfüllung des Vertrages – z.B. die Anfertigung der Kopien – in einem weiteren Kontrakt festgehalten werden. Da logischerweise auch die Uni einen Verwendungsnachweis über die Kosten haben will, war jeder selbst noch so kleine Einkauf mit diesem unglaublichen bürokratischen Aufwand verbunden. Es gab einen deutschen und georgischen Vertrag für jede Ausgabe. Die Auszahlung der Tagegelder an die Projektteilnehmer sah beispielsweise aus wie die Unterzeichnung eines umfassenden Staatsvertrages.

Im letzten Jahr haben wir für CCC2 wie die Schmuggler Geld in den Kaukasus eingeführt. Es war alles legal, natürlich, doch wir fühlten uns nicht wohl. Wir ließen uns in Marburg das Geld in bar auszahlen, wieder ein ähnlich hoher Betrag, und ich drückte jedem Mitfahrer kleinere Summen an Geld in die Hand, um den theoretischen Verlust durch Diebstahl oder das Vergessen einer Tasche am Flughafen, so klein wie möglich zu halten. Eigentlich war so alles einfach: Wir konnten alle unsere Ausgaben ohne großen Aufwand abrechnen. Für Kopien reichte die Quittung des Kopierladens und für das Tagegeld die Unterschrift in eine Liste. Doch meine Kollegin und ich, wir liefen mit bangen Blicken durch die Stadt: wir hatten doch ziemlich viel Bargeld dabei und niemand, wirklich niemand hätte es mir im Falle des Falles ersetzt.

Für die Veranstaltung im diesen Jahr (CCC3) erkundigten wir uns bei der Deutschen Botschaft in Georgien, die uns einen Tipp gab, wie wir das Geld nach Georgien überweisen könnten. Vielleicht klappt es auch. Doch dieses Jahr hat die Uni ein neues Stolpersteinchen gefunden: was passiert denn mit dem Geld, wenn ich theoretisch vor der Endabrechnung versterben würde? Es ist mir egal, könnte ich sagen, doch auf mein Nachfragen wurde mir gesagt, dass der Uni es egal sei, dass es mir egal ist, was nach meinem Tod mit dem Geld passiere, und wenn es mir nicht egal sei, dass Geld doch zu bekommen, solle ich mein Testament aufsetzen, oder so ähnlich. Darin gilt es der Uni zu bestätigen, dass das Geld auch im Falle meines Ablebens weiterhin der Uni gehöre und nicht in die Erbmasse einverleibt werde. Ich finde es schön, dass die Uni glaubt, ich hätte so etwas wie eine Erb-„Masse“.

Im August fahre ich in den „krisengeschüttelten“ Kaukasus und muss vorher für die Uni das erste Kapitel meines Testaments schreiben. Es freut mich, dass jemand in der Uni an mich denkt. Man stelle sich vor, dass der Fall wirklich eintritt, und das Geld wäre irgendwo in Georgien, und dann holt die Sachbearbeiterin meinen letzten Willen aus dem Aktenordner, wählt eine Nummer in Georgien, vielleicht jene der Botschaft, und fragt nach dem Geld, dass sie nun „erbe“, doch sie erreicht niemanden, denn alle sind bei einem großem georgischen Bankett, mehrere Tage lang, finanziert vom DAAD.

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