Als es schließlich so weit war, konnten sie nur wenig mitnehmen. Es hatte viele Anzeichen über ihre bevorstehende Deportation gegeben. Doch dann musste alles ganz schnell gehen. Es war Mitte Oktober 1941 und die Kaukasusdeutschen aus Helenendorf (heute Göygöl) durften nur wenig Gepäck mitnehmen. Sie wurden nach Zentralasien verschleppt, doch noch wussten sie nichts Genaues über ihr Schicksal. Sie hofften, bald wiederzukommen, zurück in ihr Dorf, das sie 1819 gegründet hatten. Helenendorf war eine Perle in der Region um Gandscha (Aserbaidschan). Das Dorf war ökonomisch sehr erfolgreich gewesen, besonders im Weinanbau und im Weinhandel, genau wie die anderen Dörfer der Kaukasusdeutschen in der Nähe von Tbilisi (Georgien). Elisabethtal wurde „Klein Paris“ genannt, so sagt man heute, und Katharinenfeld als „Dorf der Millionäre“ beschrieben. Es gab damals auch Neid ihrer Nachbarn, denn die Kolonisten wurden zu Beginn vom Zar stark unterstützt.

Hastig versteckten die Helenendorfer ihre Wertsachen und mauerten ihr Gold in ihre Keller ein. Doch sie würden nicht zurückkommen. Und das Gold der Deutschen ist bis heute ein wichtiges Thema. Einige unserer Gruppen wurden direkt auf der Straße angesprochen: „Wir wissen warum ihr da seid!“, wurde ihnen zugerufen. „Wir“ seien von unseren Großeltern geschickt worden, um ihren Goldschatz wiederzuholen. Wir waren fünf Deutsche unter vierzehn, und keiner von uns war ein Nachfahre der Kaukasusdeutschen. Doch das war egal: wir sind Deutsche und wir waren dort. Für die Dorfbewohner schienen wir, bewaffnet mit Block, Stift, Aufnahmegerät, Kamera und viel Zeit auf der Suche nach etwas zu sein. Wir sahen wohl nicht aus wie Touristen, die gelegentlich nach Helenendorf, jedoch meist nur für einen Tag kommen. Wir kamen täglich, immer wieder, und wir schienen etwas zu suchen. War es das Gold? Die Deportierten sind nicht wiedergekommen, nun würden deren Nachkommen die Wertsachen holen wollen.

Die beeindruckenden Gewölbekeller unter den deutschen Häusern stehen noch immer. Viele davon wurden uns gezeigt. Kinder verfolgten uns in der Straße und riefen uns nach: „Auch wir haben einen großen Weinkeller!“ Ich war etwas besorgt: Warum wollten uns die freundlichem Menschen nur alle ihre Keller zeigen? Tiefe, kühle, dunkle Keller, die heute nur kaum benutzt werden. Wir folgten ihnen, dennoch. Manchmal zeigte man uns Löcher in der Wand: Hier sei Gold gefunden worden. Oder man habe hier oder dort Gold gesucht und nicht gefunden. Aber es wurde mir versichert: Besonders jene Familien, die kurz nach der Deportation die Häuser der Deutschen übernahmen hätten das Gold gefunden. Ein Mann lächelt verschmitzt: Es soll noch sehr viel Gold versteckt sein. Nur dreißig Prozent hätte man gefunden.

Stimmen die Geschichten vom Gold? Ein Vertreter der Lokalverwaltung winkt ab. Das Thema sei ein alter Hut. Natürlich hätte man Gold gefunden. Doch das hätten meist die Armenier an sich genommen, sagt  er, und in Jerewan hätten sie neue Häuser gekauft. Die Armenier sind hier die Bösen, sie sollen auch die Grabsteine der Deutschen zerstört und verschandelt haben. Die Deutschen sind fort, aber gut. Die Armenier sind auch fort, doch nicht so gut. Sie hätten das Gold geklaut. Und Karabakh, ist auch irgendwie Gold. Das ist jedoch eine andere Geschichte. Aber wer hat die armenischen Grabsteine auf dem Friedhof umgestoßen und zerstört?

Wir kommen wieder heraus aus dem tiefen, kühlen Weinkeller, mit den Löchern in der Wand. Der Hausherr ruft ein Taxi und fährt uns in Helenendorf herum. Er zeigt uns alles. Wir fahren zu einem monumentalen Flaggenplatz, direkt neben dem alten deutschen Dorfkern. Auf einem aufwendig hergerichteten pyramidenförmigen Hügel reckt sich eine große weiße Stange steil in die Höhe. Die aserbaidschanische Flagge hängt nicht. Noch nicht. Aber bald, denn der Präsident kommt in zwei Wochen. Unser Gastgeber will wieder fahren. Er will schnell wieder weg. Hier sei alles voll mit Beamten des KGB. Ich sehe niemanden und nichts ist los auf dem Flaggenplatz. Warum sollte man eine Fahnenstange durch den Geheimdienst beschützen lassen? Ist das restliche Gold, die „fehlenden siebzig Prozent“, hier beim Flaggenplatz versteckt? Wahrscheinlich ist es woanders, überall im Dorf verteilt, im wirklich warmherzigen, sehr gastfreundlichen und auch „goldigen“ Lächeln vieler Menschen in Göygöl.

(s. DAAD geförderte Projektreihe Caucasus, Conflict, Culture), viele Infos in diesem Text haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von CCC3 mit mir geteilt. Vielen Dank dafür. Ich habe sie allerdings etwas mit meinen eigenenen Erfahrungen in Helenendorf vermischt.

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3 Gedanken zu “Gold in Helendorf

  1. Hiess Helenendorf nicht Khanlar? Du schriebst Göygöl, das ist in meiner Erinnerung ein wunderschöner Bergsee und ein wunderbarer Kognak, der nach ihm benannt ist. Aber vielleicht gab es ja dort auch so eine Gebietsreform wie bei uns, und Khanlar gehört jetzt zur Großgemeinde Göy Göl. Völlig unabhängig davon:Der Bericht ist ungeheuer interessant und schön. Immer wieder frustrierend: Das Verhältnis zu den Armeniern.

    1. Natürlich. Helenendorf hieß bis 2008 „Khanlar“. Doch das war doch ein Arbeiterführer in der SU-Zeit. Heute heißt der Ort Göygöl, nach dem See, den du nennst. Viele nennen ihn vor Ort noch Khanlar.

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