Früher, vor der Deportation der Kaukasusdeutschen im Oktober 1941, musste Helenendorf (Khanlar, heute Göygöl, AZ) für Reisende ein wunderlicher Ort gewesen sein. Die Deutschen hatten sich seit 1818 ein Abbild ihrer schwäbischen Heimat geschaffen. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden sie ökonomisch erfolgreich, mancherorts sogar außerordentlich erfolgreich und wohlhabend. Große Höfe mit schönen Häusern säumten die geraden Straßen in dem manchmal etwas buckligen Kaukasus. Schweinitz schreibt zu Beginn des 20. Jahrhunderts über Helendorf: “Äußerst malerisch lag es hier, einem deutschen oder schweizerischen Gebirgsstädtchen gleich“ (1910).

Es war auch für mich ein besonderer Moment. Ich kenne die ehemaligen deutschen Dörfer in Georgien, Katharinenfeld (Bolnisi) und Elisabethtal (Asureti). Helenendorf war dagegen völlig surreal. Erst kürzlich hatte ein staatlich abkommandiertes Renovierungskommando das Dorf heimgesucht und die überrannten Bewohner schienen noch immer angeschlagen.  Seit April 2012 wurden über einhundert Häuser „renoviert“. Holzpanelen aus hellem Kiefer, ein wenig wie in Hobbykellern in den 1980er Jahren, wurden an die Fassaden genagelt. Das Holz wurde einfach über die bestehenden Holzkonstruktionen genagelt. Das frisch verschalte Helenendorf wirkt wie eine Sauna-Siedlung. Oder wie Fertiggartenhäuser in dem Außengelände eines Baumarkts.

Die Bewohner, die wir trafen, schienen noch nicht restlos überzeugt. Sicher, die Gasleitungen seien jetzt unter der Erde und es wären wohl auch andere neue Kabel verlegt worden. Darüberhinaus wurden aber nur die Dächer und die Front der Häuser erneuert. Man sagte uns, dass die Meinung der Lokalbevölkerung nicht gehört wurde. Es hätte keine Möglichkeit gegeben, die Renovierung abzulehnen. Ein Aserbaidschaner fragte, warum es überhaupt notwendig war: die alten Ziegeldächer waren doch toll. Sie waren etwas in die Jahre gekommen, doch im Winter und Sommer hätten sie gute Eigenschaften für die Temperatur im Haus gehabt. Jetzt hat er ein rotes Blechdach verordnet bekommen, das aus der Ferne wie ein neues Ziegeldach aussieht. Im Sommer sei es unter dem Dach kaum auszuhalten.

Ein Mitarbeiter der örtlichen Verwaltung schien auch nicht glücklich: Früher hatten die Häuser unterschiedliche Farbtöne gehabt. In der Sowjetzeit wurden die Höfe nach und nach in einem grau-weißen Farbton gestrichen. Doch jetzt sei wirklich alles gleich. Die Bürokraten aus Baku, so der Mitarbeiter, hätten sich mit ihren Plänen durchgesetzt. Alles ist jetzt uniform – die Häuser haben sogar einen einheitlichen Sockel verpasst bekommen. Das sei die Idee eines Architekten aus der Hauptstadt gewesen, der sich die deutschen Häuser offenbar so vorgestellt hat. Doch diese Verschalung findet man auch an Häusern in Gandscha, der zweitgrößten Stadt des Landes, und ca. zwanzig Minuten von Helenendorf entfernt.

Doch warum? Warum macht man das? Das Dorf wirkt doch wie eine skurrile Filmkulisse. Man hofft wohl auf Touristen. Es wird auch ein schickes neues Hotel gebaut. Saakaschwili in Georgien hat es vorgemacht: Batumi, Mestia oder Sighnagi hat er in touristische Themenparks verwandelt: ja, es gibt recht viele Touristen in Georgien. Vielleicht klappt es auch hier. Aber es steckt vielleicht noch mehr dahinter: Im Zentrum Gandschas wurde viel renoviert und alte Plattenbauten haben ein neoantikes Gewand bekommen. In Göygöl wird ein riesiges Heyder Aliev Zentrum (wie immer das auch heißt) errichtet. Überall wird gebaut und Aliev-Statuen errichtet. Sein Sohn, der Präsident des Landes, der sich im Oktober wiederwählen lassen will, soll in diesen Tagen kommen. Alles macht sich schick. Helendorf ist ein Potemkinsches Dorf, Gandscha vielleicht eine Potemkinsche Stadt.

(AnmerkungL Vor einigen Jahren kam die Kanzlerin nach Marburg. Sie besuchte ein Pharmaunternehmen, das in der Impfherstellung neue Wege gegangen war. Ein Bekannter arbeitet dort. Er erzählte mir, dass entlang des genau geplanten Wegs, den Merkel gegangen war, vorher alles gestrichen und renoviert wurde. Potemkin ist überall.)

(s. DAAD geförderte Projektreihe Caucasus, Conflict, Culture), viele Infos in diesem Text haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von CCC3 mit mir geteilt. Vielen Dank dafür. Ich habe sie allerdings etwas mit meinen eigenenen Erfahrungen in Helenendorf vermischt.

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2 Gedanken zu “Potemkin

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