In seinem prächtigen Gewölbekeller hat Viktor Klein seinen Namen eingeritzt. Es sind auch Striche in die Wand gekratzt. Irgendetwas hat Klein hier gezählt. Vielleicht waren es Weinfässer. Für mich wirkt es jedoch so als ob Klein in seinem selbst gewählten Gefängnis Tage gezählt hat.

Klein wird in Helenendorf (Göygöl, Aserbaidschan) als der letzte Deutsche dargestellt. Und zwar von örtlichen Offiziellen, doch auch in deutschen Medien*. Er stellt sich auch selbst so da, als letzter Nachkomme der zu Beginn des 19. Jahrhundert eingewanderten sog. Kaukasusdeutschen. Seine Mutter war Deutsche, sein Vater Pole. Er hätte daher auch der letzte Pole sein können, aber Helenendorf ist ein deutsches Dorf. Und er hat seinen polnischen Namen gewechselt. Der klang nicht gut für einen letzten Deutschen. Seine Mutter hieß Klein. Das passte besser. Es gibt noch heute andere deutschstämmige Bewohner in Helenendorf, doch Viktor Klein war der beste Kandidat. Er starb 2007, allein, unverheiratet, keine Nachkommen oder andere Verwandte. Keiner war da, der ihn hätte anders darstellen könnte, als etwas anderes als der letzte Deutsche.

Viktor Klein schien sich auch selbst auf diese Rolle vorbereitet zu haben. Bis vor kurzem war sein Haus voll mit allem möglichen. Man könnte es Kram nennen. Er hat wohl gesammelt wie ein Messi. Und in diesem Museum hat er sich in den letzten Jahren gesundheitlich angeschlagen verschanzt. Das Dorf habe Klein unterstützt, sagte uns unser lokaler Begleiter. Klein war häufig betrunken und zum Schluss sehr krank, doch das Haus verlassen wollte er nicht. Er wollte nicht von seinem gesammelten Gut getrennt werden. Er gehörte wohl selbst schon dazu und war Teil seiner eigenen Sammlung geworden. Die Dorfbewohnter hätten das Geld für ihn in der Nachbarschaft gesammelt.

Zurück in Deutschland, berichtete mir ein Nachfahre der Kaukasusdeutschen von einem Besuch bei Klein im Jahre 1999. Stolz hätte Klein auf sein Sammelsurium an Gegenständen verwiesen, doch – so sagte mir mein Gesprächspartner leicht despektierlich – das sei alles nur aus Österreich oder der DDR gewesen. Nicht Deutsches sei dabei. Vermutlich wollte man mir damit sagen, dass Klein auch nicht Deutsch ist. Oder nicht so richtig, zumindest. Was ist Deutsch? Eine Kuckucksuhr hat es auch in Kleins Haus gegeben.

Doch der Kuckuck schweigt nun. Als wir in Helenendorf waren und in sein Haus durften, war alles säuberlich inventarisiert und in Kisten verpackt. Bald soll aus dem Haus ein Museum entstehen, mit deutscher Hilfe. Das wird spannend: Hier werden wohl zwei recht unterschiedliche Bilder von Deutschen aufeinandertreffen.

Möglicherweise ist der Vergleich etwas hart: „Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer“ hörte man in Nordamerika. Ich sprach mit einem aserbaidschanischen Freund über die Kaukasusdeutschen und wie sie heute gesehen werden. Ich bemerkte, dass die Beziehung zwischen den Kaukasusdeutschen in rezenten Quellen und in der Bevölkerung in Helenendorf als ausgesprochen gut bezeichnet wird. Man fühle offenbar Stolz, dass die Deutschen hier waren. Der Kollege lacht: Ja, sagt er, jetzt ist alles toll. Nachdem sie weg waren, deportiert nach Zentralasien, war alles gut. – Als die Deutschen nicht mehr da waren, da waren es gute Deutsche. „Der letzte Mohikaner“, stand bei Klein im Bücherregal.

Als am 29. März 2007 Viktor Klein verstarb gab es eine große Beerdigung. Ein Gesprächspartner sagte lächelnd, dass sich alle gewundert hätten was überhaupt los sei. Wieso der große Aufruhr? Manche Dorfbewohner verhalten sich distanziert zum Klein-Kult. Man lasse keine Aserbaidschaner in Kleins Haus, sagte uns ein Dorfbewohner. Die Lokalverwaltung denkt, dass es sonst Diebstähle gebe. Nur Deutsche würden durch das Haus geführt.

Andere deutsche Nachkommen beklagen, dass die lokale Verwaltung überhaupt nicht mit ihnen spreche. Deutsche Touristen würden an ihnen vorbeigeführt und man wolle wohl keinen Kontakt. Wer oder was deutsch ist, ist wohl eine zentrale Angelegenheit. Und der letzte Deutsche ist tot, da kann es natürlich keine andere geben. Aber man versteckte mir auch nicht, dass es noch andere Deutschstämmige gibt. Sie werden wohl nicht ein so schönes Grab wie Viktor bekommen. Es ist im lokalen, aserbaidschanischen Stil. Mit Bild und nicht wie die zahlreichen anderen deutschen Gräbern auf dem Friedhof.

Helenendorf hat sich herausgeputzt. Es wird auch ein neues Hotel für deutsche Touristen gebaut. Wenn es fertig ist, werden die Touristenströme sicherlich kommen. Man wird T-Shirts bedrucken mit Viktor Kleins Bild, vielleicht wird es auch Kaffeetassen oder Weingläser mit seinem Konterfei. Hast du das wirklich gewollt, Viktor?

* Zum Beispiel: Brinkmann, Peter (2011), Political Post; Haerdle, Benjamin (2007), Eurasisches Magazin; Koehrer, Ellen (2008), Schönes Schwaben; Petz, Ingo (2010), Süddeutsche Zeitung;

(s. DAAD geförderte Projektreihe Caucasus, Conflict, Culture), viele Infos in diesem Text haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von CCC3 mit mir geteilt. Vielen Dank dafür. Ich habe sie allerdings etwas mit meinen eigenenen Erfahrungen in Helenendorf vermischt.

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Ein Gedanke zu “Viktor, hast du das wirklich gewollt?

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