Poster der Konferenz in Batumi, November 2011

Warum machte ich das überhaupt? Eigentlich ging es mir doch gut. Ich habe eine tolle Familie und mein Job ist auch schön. Dennoch, ohne erkennbaren Grund, kam ich vor einiger Zeit auf die Idee, zwei Sammelbände herauszugeben. Ein sonderbarer Gedanke, im Nachhinein betrachtet.

Sammelbände haben keinen guten Ruf. Auf den Publikationslisten führt sie man sie nicht weit oben. Bei Stiftungen braucht man erst gar nicht anzufragen, ob sie die Publikation der Manuskripte finanzieren wollen. Sammelbände sind es wohl nicht wert. Sammelbände sind nicht so prestigereich, wie Artikel in großen Zeitschriften, Monographien oder gar Habilitationen.

Am Anfang standen zwei Tagungen, die im November 2011, in Tbilisi und in Batumi stattfanden. Ich hätte damals nicht gedacht, dass man die uns bewilligt, doch sie wurden beide gefördert. Es waren glückliche Zeiten, damals, als meine Anträge noch erfolgreich waren. Aber das ist eine andere Geschichte. Nun, auf diesen Tagungen hörten wir schöne und spannende Beiträge. Der Gedanke lag nach, daraus zwei Sammelbände zu machen.

Dann nahm alles seinen Lauf. Die ersten Schwierigkeiten waren eigentlich banal. Den Autoren mussten Deadlines für die Einreichung ihrer Manuskripte genannt werden. Doch Fristen für die Abgabe von Beiträgen einzuhalten, sind wohl so lästig wie unter der Nase herumflatternde Schnaken. Als die Manuskripte endlich eingetroffen waren mussten wir einige Arbeiten komplett neu schreiben. Sie waren so nicht publizierbar, doch die Themen waren wichtig für das Buch. Auch gab es eine Kollegin, die uns einen Text geschickt hatte, den sie Wort-für-Wort bei einem großen britischen Verlag bereits vor Jahren publiziert hatte. Den wollten wir nicht neu schreiben, das fanden wir frech.

Für beide Sammelbände baten wir um die Einreichung englischer Manuskripte. Mit einem Text eines Kollegen hatte ich große Probleme: ich wusste nicht, worum es ging. Es schien irgendwie interessant zu sein, doch der Text war eine Ansammlung sonderbarer Sätze. Der Autor teilte uns dann kleinlaut mit, dass er den russischen Originaltext von Google Translate hatte übersetzen lassen. Wir setzten eine Kollegin darauf an, den Text zu retten. Sie erbat vom Autor das russische Original, um es mit dem den englischen Text abzugleichen. Doch auch das Original war völlig unverständlich. Meine Kollegin vermutete, dass der russische Text vermutlich ebenfalls aus Google Translate stammt und die Ausgangsprache des Texts eine andere sei. Wir konnten die Ausgangsprache aber nicht ermitteln.

Diesen, wie auch andere Artikel, mussten wir leider ablehnen: Wir bemühten uns, freundliche Absage zu schicken. Die meisten reagierten gelassen oder überhaupt nicht. Doch zwei Antworten blieben mir im Gedächtnis. Eine Autorin aus dem Kaukasus beschwerte sich bitterlich. Sie habe den Text schon ihrer Institutsleitung als Veröffentlichung angezeigt. Schon alleine aus diesem Grund könne ich den Text nicht herausnehmen. Wie stehe sie denn da?

Einer anderen, recht bekannten und von mir sehr geschätzten Kollegin, musste ich ebenfalls absagen. Das war aber eine Art Majestätsbeleidigung. Sie bedankte sich mit einem bitteren Unterton, dass sie sich freue nicht in unserem Pipifax-Buch aufzutauchen (Mein Russisch ist nicht wirklich gut, aber so etwas sollte es wohl heißen). Ihr Beitrag war aber schlecht. Dummerweise kam meine Absage an ihrem Geburtstag. Das war nicht gut.

Die meisten Beiträge waren spannend und ich bin sehr dankbar, dass ich der Mitherausgeber zweier Bücher mit diesen Autorinnen und Autoren sein kann. Doch schließlich musste ich die verbleibenden schönen Texte in den beiden Einleitungen vorstellen. Mehr noch, die Beiträge müssen in ihrer Zusammenstellung als natürliche Einheit dargestellt werden, als hätten sie schon immer zusammengehört und als wären sie geradezu dazu erschaffen worden, zusammen in diesem Buch zu erscheinen. Ich weiß nicht, ob mir das gelungen ist. Ich hatte mal meinem Doktorvater zu einem seiner Sammelbände gesagt, dass dieser nur durch den Pappdeckel und die teure Fadenheftung zusammengehalten würde. Sonst wäre es ein ‚Loseblattwerk‘ gewesen. Er wird beide Sammelbände bekommen und ich kenne jetzt schon seine Antwort …

Jetzt habe ich beide Sammelbände vor mir. Die Frage ist: bin ich glücklich? Das eine Buch liegt schon gedruckt vor, für das andere gibt es schon die unterschriebenen Verträge. Es wird bald erscheinen. Ich habe die Sammelbände in meine Publikationsliste eingetragen, ganz weit unten, man sieht sie kaum. So wie es sich eben gehört. Sammelbände sind ja Produkte Aussätziger, verrückter Träumer, von jenen, die zu viel Zeit haben. Und vielleicht sind auf schönem Papier gedruckte Sammelbände auch irgendwie eine nutzlose Vergeudung von Rohstoffen.

Aber vielleicht verhält es sich auch anders: Menschen, die ihre Publikationsprojekte, wie Artikel, Monographien usw. alleine schreiben (oder gar ihre Habilitation) sind Weicheier, die dem wahren Leben aus dem Weg gehen. Sie schrecken vor den wirklichen Herausforderungen im Leben zurück. Eigentlich sollte nur die Anzahl der Sammelbände die Reputation eines Forschenden bestimmen. Sammelbände sollten ganz oben auf die Publikationsliste!

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Ein Gedanke zu “Ich liebe Sammelbände

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