Wir hatten einen schönen Spaziergang in Gori hinter uns. Diese georgische Kleinstadt ist außerhalb der Region eigentlich nur bekannt, weil dort zufällig Stalin geboren wurde. Und weil eben sonst nichts Wichtiges dort passiert ist, wird eben Stalin in der Stadt gehuldigt. Naja, man nimmt halt was man hat. Dummerweise hat er ein paar Millionen Menschen auf dem Gewissen, aber das scheint hier nicht sehr relevant zu sein.

Sergey und ich saßen in einem Café am Stalin Platz gegenüber der Regionalverwaltung, dort wo bis 2010 eine große Stalin Statue gestanden hat. Das Café in dem wir saßen hieß „Champs-Élysées“ – ein sonderbarer Name an diesem Ort. Wir tranken einen Cappucino und einen Americano, die eigentlich viel zu teuer waren. Als wir weiter unseres Wegs gingen summte ich vor mich hin. Ich sang den Klassiker von Joe Dassin „Aux Champs-Élysées“ leise vor mich hin. Wir schritten den Stalin Boulevard, der vom Stalin Platz zum Stalin Museum führt, entlang und langsam wurde aus „Aux Champs-Élysées“ so etwas wie „Oh Stalinis Gamziri“. Gamziri ist Georgisch für „Boulevard“. Diese Melodie mit diesem Text wollte mir den Rest des Tages nicht mehr aus meinem Kopf, sehr zum Leidwesen meiner Mitmenschen. Und Sergey war überrascht: „Der Hauptboulevard heißt wirklich immer noch Stalin Boulevard!“ In Georgien, wo die Namen der Straßen regelmäßig wechseln, bleibt man bei Stalin. „Schau nur“, meinte Sergey, „die haben sogar ganz neue Straßenschilder mit ‚Stalin Boulevard‘ beschriftet. Die wollen das wirklich hier!“

Wir hatten heute schon so einige Staline gesehen. Den ersten Stalin sahen wir im Akhalbagi Park. Es war fast romantisch: umringt von Palmen, Blumen und frisch gegossenen anderen Pflanzen wachte er über Kinderspielplatz, Bar, und Fußballstadion. Halb links hinter ihm, so dachten wir zuerst, hatte man überraschenderweise an seine Gräueltaten erinnern wollen. Doch bei näherem Hinschauen entpuppte sich der vermeintliche Nachbau eines Sowjetgefängnisses aus den 1930er nur als kleiner Zoo.

Eher zufällig trafen wir einen weiteren Stalin. Sergey wollte sich nach Zugtickets erkundigen. Wir liefen zum Bahnhof in Gori und, Überraschung, in der Wartehalle des Bahnhofs wartete er wieder auf uns. Auf rosa Sockel vor rosa Putz war er da. Sauber und gepflegt sah er aus, als würde man ihn täglich putzen. Nein, ich bin sogar sicher, man putzt ihn täglich hier.

Ganz viele süße kleine Stalinchen sahen wir dann in den Souvenirläden gegenüber dem Stalin Museum. Auf Tassen, Tellerchen, Schnapsgläschen, Flachmänner oder Streichhölzerschachteln fand ich meinen alten Freund. Kurz überlegte ich, ob ich nicht eine kleine Stalin-Statue kaufen und auf meinen Schreibtisch in Marburg stellen sollte. Doch dann erschreckte ich über mich, warum ich nur einen Moment darüber nachdachte, mir einen Massenmörder ins Zimmer zu holen.

Aber Stalin ist wohl sexy. Große Reisebusse kommen und gehen vor dem Stalin-Museum. Tbilisi ist nicht weit und während meines kurzen Aufenthaltes konnte ich tagaus tagein unzählige Touristen sehen, die das Stalin-Museum besuchten. Warum tun sie das? Ist es die Vorstellung, etwas politisch unkorrektes zu tun, d.h. in dieses indiskutable Museum zu gehen? Mutige Reisende besuchen Tschernobyl oder Nordkorea, eine light-Version dieses Dark Tourism führt wohl in das Stalin Museum. Würde man eine politisch korrekte Ausstellung im Museum aufbauen, dann sähe man möglicherweise nicht mehr so viele Touristen. Ich schlage noch ein Museumscafé vor, mit teurem Cappuccino und Americano aus roten Tassen mit Stalinbild. Aber es gibt hier nur den immer gleichen Stalin Tand im Museumsshop.

Unsere Museumsführerin war schlecht. Stalin hätte es nicht gemocht. Sie versuchte offenbar eine auf fünfundvierzig Minuten terminierte Führung in fünf durchzuführen. Häufig stand sie an einer Station im Museum, fing an zu reden, während der Großteil unserer Gruppe noch zwei Stationen früher kopfschüttelnd vor den Massen von Stalin Ikonen standen. So viele kleine und große Staline mussten angesehen werden. Die Museumsführerin sagte aber überraschenderweise, dass das Stalin Museum als Produkt der 1950er Jahre gesehen werden muss, seine ganzen Verbrechen würden hier deshalb nicht thematisiert. Immerhin.

Eine unserer Studentinnen aus Aserbaidschan verspürte Respekt, Ärger und Abscheu an diesem Ort. Sie wollte eine Büste Stalins anfassen, aber sie konnte nicht. Beeindruckend was Stalin noch für einen Eindruck machte. Andere machten aber Bilder, für die sie sich neben Stalin stellten wie neben Mickey Mouse in Disneyland. Wieder andere wollten Stalin für ein Bild ein paar Hasenohren machen. Ärgerlich fuhr eine Aufseherin den Studentinnen und Studenten in die Parade. Vielleicht ging es ihr hier tatsächlich um einen konservatorischen Aspekt. Hätten die Studentinnen Stalin jedoch geküsst, dann wäre die Aufseherin – so wie viele andere in Gori – wahrscheinlich glücklich und stolz gewesen.

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