Grenzen erscheinen Forscherinnen und Forscher in Konfliktregionen als Pilgerstätten. Wenn wir über unsere Forschungsgebiete sprechen, dann gehört es zum guten Ton, auch einmal an diesen Grenzen gewesen zu sein, die den Alltag der Menschen vor Ort prägen: Border Watching. Ein Besuch an Grenzen, wie ein Grenzposten zwischen Georgien und Südossetien, gehört unbedingt in unser Portfolio. Ein paar Bilder dazu – auf Facebook gepostet – wirken hier gut. Noch besser ist es allerdings, eine Grenze zu überschreiten, wie die Enguri-Brücke von Georgien nach Abchasien, und auf die „andere Seite“ zu kommen. Das Überschreiten der Grenze als transzendentales Erlebnis: „Lassen Sie mich durch, ich bin Ethnologe!“

Ein Armenier, ein Aserbaidschaner, ein Georgier und ich fahren an die Grenze. Der Georgier betont, dass es eigentlich keine Grenze ist. Das muss er so sagen. Wir fuhren von Gori ca. 25 km nach Norden, und dann standen wir an der Nicht-Grenze zu Südossetien. Der Grenzposten sah behelfsmäßig aus und bestand aus säuberlich aufgestellten Autoreifen. Grimmig dreinblickende Polizisten und andere Uniformierte empfingen uns. Mein georgischer Kollege, in seiner ihm eigenen forschen und direkten Art, stellte sich vor die Polizisten und fragte, ob wir ein paar Bilder machen könnten. Die Uniformierten schauten meinen Kollegen an, als stünde der Weihnachtsmann vor ihnen.

Mein georgischer Kollege wollte uns anbieten, Bilder von Tskhinvali zu schießen. Das ist die Haupstadt von Südossetien und sie lag in nur drei Kilometern Entfernung in Sichtweite vor uns. Dazwischen waren dummerweise ein paar Militäranlagen. Überraschenderweise sicherten uns die Polizisten zu, ihre Vorgesetzten anzurufen. Das verwunderte mich: ich hätte gedacht, dass man uns augenblicklich laut und deutlich auffordern würde, das Weite zu suchen. Doch es kam anders. Die Polizisten riefen ihre Vorgesetzten an, notierten unsere Namen, dass wir „Wissenschaftler“ seien (sie haben hier mehrfach nachgefragt), das Nummernschild des Autos, und haben uns dann aufgefordert, das Weite zu suchen. Unser armenischer Kollege, er wollte von Anfang an nicht mit, schüttelte den Kopf: einmal zur Grenze fahren, um sich registrieren zu lassen, und zurück. Was für ein Quatsch, sagte er.

Aber da wir die Reise zur Grenze nicht umsonst gemacht haben wollten, und da wir den Grenzbesuch auch für alle sichtbar in unser akademisches Portfolio einfügen wollten, war es erforderlich, doch irgendwie an Bilder zu kommen. Langsam fuhren wir die Straße zurück und schauten nach Punkten aus, von wo wir doch einen Blick auf Tskhinvali erhaschen könnten. Plötzlich hielt der Georgier: Hier sei es gut. Eigentlich sahen wir nur Bäume. Im Hintergrund, mittlerweile einige Kilometer entfernt, erblickten wir schließlich ein paar Häuser. Tskhinvali! Ich machte ordnungsgemäß ein paar Bilder und setzte eins davon auf Facebook. So gehört sich das.

Aber leider verblasste ich vor dem „Erfolg“ eines anderen armenischen Kollegen. In Zugdidi, unweit der Grenze zu Abchasien (ja, ich weiß, es ist eigentlich keine Grenze, dafür sieht sie aber einer Grenze zum Verwechseln ähnlich), war unsere andere Gruppe unterwegs. Eine Deutsche, eine Georgierin, ein Aserbaidschaner und ein Armenier waren auf der Enguri-Brücke. Das ist ein Hotspot für Border Watching. Auf der einen Seite ist Georgien, auf der anderen Seite stehen Abchasen. Mit einem Visum darf man einreisen. Doch der Armenier machte es noch geschickter. Er war schon den zweiten Tag hintereinander auf der Brücke und machte immer wieder Fotos. Doch zwei Tage hintereinander Fotosmachen, das war den abchasischen Grenzposten zu viel des Guten. Sie baten unseren Kollegen mitzukommen. Er wurde über die Grenze in den Ort Gali nach Abchasien gebracht und dort verhört.

Es gab hektische Telefonate zwischen der Gori- und der Zugdidi-Gruppe. Was sollte jetzt getan werden? Unser Kollege ist an der Grenze verhaftet worden! Ich fragte meine kaukasischen Kollegen. Sie lachten laut und sagten, dass wir nichts unternehmen sollten. Einfach nur warten. Einer von uns äußerte sogar die Hoffnung, dass man ihn in Gali über Nacht einbehalten sollte. Ein anderer meinte, dass unser armenischer Kollege wahrscheinlich sogar stolz sei, verhaftet worden zu sein. Er hätte schon mehrere Geschichte gleicher Art von Reisen im Nordkaukasus mitgebracht. Vielleicht schreibe er sogar mal einen Artikel darüber, soll er später gesagt haben.

Ich bin tief beeindruckt. Der armenische Kollege ist an die Grenze gekommen, hat Bilder gemacht, wurde sogar verhaften und konnte dann auch noch ohne Visum nach Abchasien einreisen. Das ist fast die höchste Ehre für einen Forscher. Von Kollegen, die im Nordkaukasus forschen, höre ich auch regelmäßig Erzählungen, dass sie mit FSB, Polizei oder Militär ein paar Stunden verbracht haben. Es klingt wie eine Trophäensammeln. Ich bin wohl ein sehr schlechter Ethnologe: ich habe hier nichts vorzuweisen. Ich wurde nie verhaftet und habe nie jemanden geschmiert.

Der armenische Kollege kam nach ein paar Stunden heil zurück nach Zugdidi. Er machte wohl einen glücklichen Eindruck, wie man mir sagte. Unsere georgische Organisatorin war jedoch sehr verärgert. Dieses Ereignis könne auf sie zurückfallen. Sie sagte: „Ich werde ihn töten!“ Es klang etwas freundlicher in der direkten Rede, doch es war deutlich. Ich bin mir jedoch sicher, auch dies würde dem armenischen Kollegin freuen: Er macht Bilder auf der Grenze, wird von Abchasen verhaftet und anschließend von einer Georgierin getötet. Was für ein erfüllter Tag voller neuer Erfahrungen.

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