„Ich bin noch immer da!“ Der Schwarze Mann sitzt bei uns mit am Tisch. Keiner spricht mit ihm, keiner redet über ihn. Im Augenwinkel ist er sichtbar, aber niemand versucht, genau hinzusehen. Seit fünf Jahren machen wir unser Programm Caucasus Conflict Culture (CCC) und die Konflikte vor Ort sind immer mit dabei. Kurz vor Beginn von CCC5 zeigte uns der Krieg in Bergkarabach in aller Deutlichkeit, dass er weit davon entfernt ist, gelöst zu sein. Er köchelt seit über zwanzig Jahren vor sich hin und wenn die Beteiligten nicht aufpassen, kocht er über. „Ich bin noch immer da“, sagt uns der Schwarze Mann, „was auch immer ihr mit CCC macht.“

Der DAAD war in den letzten Jahren sehr großzügig mit uns. Seit 2011 fördert er CCC. Im April trafen wir uns in Batumi am Schwarzen Meer zu CCC5. Hier brachten wir Studierende aus Armenien, Aserbaidschan, Georgien und Deutschland zusammen. Ziel ist es immer, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam eine kleine ethnologische Feldforschung durchführen. Finanziert wird diese Projektserie vom DAAD im Rahmen der Initiative zur Förderung von Dialog und Konfliktprävention im Südkaukasus. CCC ist damit qua Programm auch ein wenig Friedensförderung, doch ich weiß nicht, ob wir diesem Anspruch gerecht werden können.

In diesem Jahr forschten die Teams zur aktuellen Relevanz des muslimischen Erbes im georgischen Adscharien. Lange Zeit war diese Region Teil des Osmanischen Reiches und es entwickelten sich dort bis heute bestehende muslimische Traditionen. Diese prallen seit dem Ende der Sowjetunion auf den eng mit dem Christentum verwobenen georgischen Nationalismus. Wie die Menschen vor Ort in dieser vielschichtigen Gemengelage ihren Alltag in der Stadt und im Dorf strukturieren stand im Zentrum des Projekts.

Ich bin stolz, mit meinen Kolleginnen und Kollegen CCC organisieren zu können. Ob Georgier, Armenier oder Aserbaidschaner – sie kennen sich seit Jahren. Dies geschah oft im Rahmen von Programmen der Heinrich-Böll-Stiftung im Südkaukasus, die eine beeindruckende Arbeit in der Förderung der Zusammenarbeit von Forscherinnen und Forschern im Südkaukasus leistet.

Interessant ist, dass wir im Team eigentlich nie über die Konflikte selbst reden. Und ich weiß gar nicht warum. Blendet man Schmerzen einfach aus? Nimmt man sie hin, wie Wetter, das mal besser, mal schlechter ist?

Das Design unserer Projektreihe ist, dass wir auf Themen fokussieren, die konfliktreiche Felder betreffen, aber nicht die eigentlichen Kriege der Region. Unsere Überlegung dabei war, dass es gar nichts bringen würde, über Karabach, Abchasien oder Südossetien zu sprechen, denn die Konflikte scheinen viel zu festgefahren. Aber eigentlich haben wir keine Ahnung, denn wir haben es nie probiert, direkt über die Konflikte zu sprechen. Waren wir zu feige?

Es war in Kutaisi im letzten Jahr, bei CCC4. Ich war leider selbst nicht dabei gewesen. Aber wie mir berichtet wurde, sei es wohl ein sehr schöner Moment gewesen. Ein aserbaidschanischer Teilnehmer hob sein Glas zu Ehren einer armenischen Studentin und wünschte ihr zum Geburtstag alles Gute. Er würde zum ersten Mal einen Toast auf eine Armenierin sprechen. Er wünsche sich, dass sie irgendwann in der Zukunft gemeinsam in Bergkarabach anstoßen könnten. Natürlich, man könnte hier einwenden, dass bei Trinksprüchen in Georgien nicht selten sehr unrealistische Ziele ausgelobt werden. Dennoch sagten einige aus dem Team hinterher, dass sie bewegt von dieser Szene waren.

Doch der Schwarze Mann, der mit am Tisch sitzt, ist geduldig und wartet nur auf den richtigen Moment, seinen nächsten Toast auszusprechen. „Ich bin noch immer da!“, egal ob es ein CCC6 gibt oder nicht.

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