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Vorher hatte ich eine andere Stelle an der Universität, doch nun war ich Vertretungsprofessor. So stand es in dem Brief des Kanzlers. Für meine frühere Stelle hatte ich eine Urlaubskarte mit 30 Urlaubstagen im Jahr. Auf dieser Karte ist eine Tabelle, in der die gewünschte Anzahl von Urlaubstagen eingetragen und vom Vorgesetzten abgzeichnet werden. Ich hielt bis jetzt eine Urlaubskarte für eine Art Grundrecht. Doch meine erste Amtshandlung als Vertretungsprofessor war, dass ich meine Urlaubskarte abgeben sollte. Ich bräuchte diese nicht mehr, sagte mir eine freundliche Mitarbeiterin aus der Verwaltung. „Habe ich keinen Urlaub?“, fragte ich naiver Weise zurück. Nein, nicht direkt, denn eine Vertretungsprofessur sei ein besonderes Beschäftigungsverhältnis. Hier gebe es keine Urlaubskarte, aber die freie Wahl des Arbeitsplatzes. – Darüber musste ich erst einmal nachdenken.

Ich durfte die Professur für Kultur- und Sozialanthropologie in Marburg vertreten. Die Professur war nicht vakant: der Inhaber hatte ein Forschungsstipendium im Ausland und daher aus der Ferne das Zepter in der Hand. Ich vertrat ihn im Wintersemester 2015/16 und im Sommersemester 2016. Meine Hauptaufgabe in dieser Zeit war es, Lehrveranstaltungen zu halten. Ich liebe die Lehre und das ist hier ernst gemeint. Dort konnte ich mich etwas austoben und auch das eine oder andere neue didaktische Konzept einbringen. Ich hatte mehr Lehrveranstaltungen gemacht als ich musste, besonders auch im Tandem mit Kolleginnen und Kollegen. Auch nahm ich mir viel Zeit, studentische Arbeiten zu betreuen. – Zeit ist ein gutes Thema: Meine Kinder fragten mich nach ein paar Wochen, wann ich wieder zu meinem alten Job gehen würde. Sie würden mich kaum noch sehen.

Wirklich wichtige Entscheidungen hatte ich nicht zu treffen. Die Vertretung betraf neben der Lehre hauptsächlich den Verwaltungsalltag. Doch auch dieser war voller Überraschungen. Beispielsweise kam in die Völkerkundliche Sammlung – die zum Fachgebiet gehört – ein Sachverständiger für Risikobewertung und dieser meinte, dass in den afrikanischen Holzskulpturen im Magazin Ebola-Viren enthalten sein könnten. Ich wusste gar nicht wie gefährlich die Arbeit in der Sammlung ist. Eine andere Sicherheitsempfehlung sah vor, dass ich eine Person aus unserem Fach zu einer Leiterschulung abstellen sollte. Es ging hier leider nicht um den Erwerb von Führungskompetenzen, das wäre eine sinnvolle Fortbildung, sondern um die korrekte Verwendung von tatsächlichen Leitern und die Kompetenz prüfen zu können, ob eine Leiter überhaupt den Vorgaben entspricht.

Es gibt noch eine Menge an weiteren schönen und unschönen Dingen, die an dieser Stelle nicht angesprochen werden sollten. Und ich musste natürlich Urlaubskarten unterschreiben. Möglicherweise hält sich das Mitgefühl mit gegenüber in Grenzen, doch es ist komisch Urlaubskarten zu unterschreiben und selbst keine zu haben.

Die zehn Monate gingen schnell vorbei. Ich bin jetzt wieder einfacher Lehrbeauftragter und Mitarbeiter der Hochschuldidaktik. Doch stapeln sich auf meinem Schreibtisch Bachelor-, Master- und Hausarbeiten. Ich wusste es vorher, dass es so kommen würde, es ist aber komisch: Ich habe nun meine Urlaubskarte wieder (für den Job in der Hochschuldidaktik) aber arbeite eigentlich unbezahlt den Stapel an Arbeiten ab und meine Kinder fragen verwundert, warum ich weiter arbeite und keine Zeit habe, obwohl ich kein Vertretungsprofessor mehr bin.

Am Ende einer Sitzung des Proseminars Empirische Methoden für Bachelorstudierende gab es eine größere Anzahl von Studierenden, die sich nach den Formalien für die Prüfungsleistung erkundigten. Eigentlich hatte ich schon alles gesagt, aber ich wiederholte es gerne. Die Hausarbeit muss soundso lang sein, die Präsentation kann folgende Struktur haben und, ja, die angegebene Literatur ist verpflichtend. Ganz am Ende kam noch eine Studentin. Sie habe keine Frage und auch kein besonderes Anliegen: Sie wolle einfach nur mal sagen, dass Sie es ganz toll fände, wie ich das so mache und sie mir das sagen mal wolle, weil man „so was“ eigentlich selten sage, und deswegen wollte sie es loswerden. Ich war sprachlos und glücklich. Und irgendwie freue ich mich auch auf den Stapel an Arbeiten auf meinem Schreibtisch.

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