Der nachfolgende Text ist ein Beitrag zum Blog Kulturrelativismus und Aufklärung. Eine Debatte über den Umgang mit Fremdem, 16.05.2017. Text von Stéphane Voell und Elke Kamm.

Okay, okay – an diesem unwirtlichen Ort ist Vorsicht geboten. Wir sind auf dem Martinshof und es sind Sommerferien. Hufe klappern und Pferde traben. Sie springen über den Wassergraben und über Stock und Stein. Wer wird das wohl sein? Es sind Bibi und Tina auf Amadeus und Sabrina. Wie in jedem Jahr besucht Bibi Blocksberg ihre Freundin Tina Martin auf dem Reiterhof. Tohuwabohu Total heißt der vierte Kinofilm der Reihe und ist eine cineastische Herausforderung. Bibi ist eigentlich bekannt als lustige Hexe, durchlebt in zahllosen ausgesprochen innovativen Hörspielen unglaublich spannende Abenteuer, die sogar „Fünf Freunde“ oder „Drei Fragezeichen“ als literarische Meisterwerke erscheinen lassen. „Bibi und Tina“ ist ein Ableger dieser Reihe und sie jagen im Wind, sie reiten geschwind, weil sie Freunde sind.

Wir wurden vor ein paar Wochen gefragt, ob wir auch etwas zu diesem Blog beisteuern wollen. In der Hoffnung, etwas Sinnvolles schreiben zu können, sagten wir geehrt zu. Zunächst haben wir den SZ-Artikel gelesen und dann den Empörungstsunami darauf. Einige Beiträge im Blog waren anregend zu lesen. Anderen waren – sagen wir einmal – sehr interessant. Fassen wir zusammen: Ein SZ-Autor hat etwas über den Ponyhof Ethnologie veröffentlicht und dann sind die Pferde durchgegangen. Darüber ist nunmehr genügend geschrieben worden. Bleiben wir bei den Pferden. Bei „Bibi und Tina“ geht es um Geflüchtete und Zwangsheirat. Das ist ein sehr aktueller Kinderfilm.

Aufgesessen und lang die Zügel, Sattel fest, und Fuß in den Bügel. Es geht über Felder und über Weiden. Hier kennt jeder die beiden. Beide sitzen ab und gehen Angeln. Was man eben als Teenager so macht. Einige Zeit später beobachten Bibi und Tina, wie sich ein plötzlich aufgetauchter hungriger Flüchtlingsjunge über ihr Essen hermacht. Empört stellen sie ihn zur Rede, doch sie verstehen seine Sprache nicht. Da langwierige Integrations- und Sprachkurse den Rahmen des Films sprengen würden, hext Bibi dem verdutzten Jungen die perfekte Kenntnis der deutschen Sprache an.

Im weiteren Verlauf des Films stellt sich heraus, dass der Junge eigentlich ein verkleidetes Mädchen ist. Sie heißt Adea und ist vor ihrer Zwangsheirat aus Albanien geflüchtet. Das lässt ihre Familie nicht auf sich sitzen, denn ihr wurden Schafe für die Heirat versprochen. Es ist Ehrensache für ihre Familie, sie bis nach Deutschland zu verfolgen. Das geht natürlich gar nicht auf einem Ponyhof und Bibi beschließt zu helfen. Die Hexe ist empört von dieser Rückständigkeit und, wie in dem SZ-Artikel, werden die ewig gestrigen Traditionen der Wilden als unvereinbar mit der Ponyhofidylle gesehen.

Es wäre jetzt albern, mit einem „Lassen Sie mich durch, ich bin Ethnologe!“ über die gut gefüllten Popcorneimer in den Kinorängen zu springen und laut zu rufen: „Halt! Es ist nicht so, wie ihr denkt!“ Aber eigentlich machen wir das doch die ganze Zeit. Wir sind eigentlich Spielverderber, manische Besserwisser, die bestehende Vorstellungen und Strukturen stets hinterfragen und schön sortierte Weltbilder aufbrechen. Deswegen fahren wir mal kurz nach Albanien.

Doch wir sind zu spät. Bibi und Tina sind schon vor uns da. Sie sind am Ende des Films nach Albanien gereist. Die Sicherheit des Ponyhofs wird auch in Oroshi verteidigt. So heißt der Ort im Film. Überraschend ist, dass es den Ort wirklich gibt und er tatsächlich eng mit dem albanischen traditionellen Recht „Kanun“ verwoben ist. Dort war vor langer Zeit ein wichtiges Zentrum für die traditionelle Rechtsprechung.

Der Kanun war ein beliebtes Thema ethnologischer Arbeiten. Hier wurde bspw. diskutiert, warum nach vielen Jahren Steinzeitsozialismus der Kanun noch weiterhin eine Rolle spiele. Bis zum Beginn des Sozialismus 1944 war das traditionelle Recht in Nordalbanien wichtig. Während der turbulenten 1990er Jahre in Albanien soll es im Norden noch recht zivilisiert zugegangen sein, so berichteten Zeitzeugen. Stéphane war in den Jahren 1999-2003 mehrfach in Albanien. Der Kanun, so sagte man ihm, sei wiedererstarkt und hätte in Zeiten fehlenden Staates ein wenig Ordnung in das soziale Leben zurückgebracht.

Das Thema ist komplex. Es gibt den Kanun und er spielt bei vielen Menschen eine Rolle. Doch der Kanun ist auch ein Repertoire aus dem sich viele frei bedienen. Es gab in den 1990er auch kriminelle Vereinigungen, die ihre Handlungen mit Begriffen aus dem Kanun schmückten. Es gab Morde, die als Blutrache dargestellt wurden, um auf geringere Strafen vor Gericht zu hoffen. Stéphane hörte von Familien, die sich als bedroht von Blutrache darstellten, obwohl sie es nicht waren. Die wirtschaftliche Lage der Region war schlecht in dieser Zeit und viele Familien hatten kaum Geld. Als vermeintlich Verfolgte hofften sie auf ein wenig Unterstützung und Aufmerksamkeit von NGOs, die in Fällen von Blutrache vermittelten. Wäre es richtig, diese Familien zu entlarven?

Es fällt schwer, Bibi als Vorkämpferin für Frauenrechte zu sehen. Aber im Film empören sich Bibi und Tina zu Recht über die Zwangsheirat. Adea wollte in die Schule gehen, wie es im Film heißt, doch ihr Vater hat sie für ein paar Schafe verkauft. Dagegen kämpft Bibi und wer will dies nicht unterstützen? In Albanien trifft die hexende Göre vom Ponyhof auf die als Deppen aus den Bergen gezeichnete Lokalbevölkerung zu einem finalen Showdown. Wieder könnte ein Ethnologe durch die Kinoreihen hüpfen und rufen: „Halt! Ich will euch was erklären!“.

Das schwierige ist, dass es Zwangsheirat und häusliche Gewalt im Namen der Ehre und damit des Kanuns gibt. Dies können nicht nur Täter nutzen, sondern auch Betroffene. Stéphane hatte Anfragen von Juristen, die wissen wollten, ob es sein kann, dass eine Frau nicht nach Albanien zurückkehren kann, weil die Regeln des Kanuns sie bestrafen würden. Nun, das Recht allein kann man da nicht beschuldigen. Es sind eher Menschen, die auf das traditionelle Recht verweisen, um ihre Sichtweise auf die Dinge durchzusetzen. Stéphane hat keine Gutachten geschrieben: Natürlich kann es diese Fälle geben und sie sind vielleicht nicht selten. Doch es ist auch vorstellbar, dass sich Geflüchtete eine Geschichte ausdenken oder ihr Leid beim Asylantrag mit dem Verweis auf den Kanun überbetonen. Es ist ein wenig so wie jene Familien, die eine Verfolgung durch Blutrache vorgaben. Sie waren nicht verfolgt, doch vielleicht waren sie in einer verzweifelten wirtschaftlichen Lage, die sie dazu zwang, eine Geschichte zu erfinden. Stéphane wollte nicht derjenige sein, der diese Personen bloßstellt. Menschen schöpfen aus jenen Traditionen, unter denen sie sonst zu leiden scheinen, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen.

Dieses Thema beobachtete auch Elke. Sie war 2003 in Tbilisi zum Studieren. Vor der Universität wurde sie Zeugin einer bewegenden Szene. Eine junge Frau wurde vor der Universität am helllichten Tage entführt. Die Frau wehrte sich, schrie um Hilfe, doch die Entführer steckten sie in einen Wagen und fuhren davon. Elke war Zeugin einer Brautentführung in Georgien, ein heute seltenes Phänomen. Einige Jahre später forschte Elke zu diesem Thema und sprach mit einigen Frauen, die Opfer einer solch grausamen Erfahrung wurden.

Eine Frau wird hier entführt, um eine Heirat zu erzwingen. Nach mehreren Tagen der Abwesenheit von ihrem Elternhaus wird, so hört man vor Ort, ihre Jungfräulichkeit in Frage gestellt. Die Ehre der Frau und auch die der ganzen Familie sei hinterfragt. Die Familie könne ihr Ansehen verlieren, denn sie konnten ihre Tochter nicht beschützen. Es sei in dieser Vorstellung schlimmer, eine entführte Tochter zurückzuerhalten, als lieber direkt in eine Heirat unter diesen Bedingungen einzuwilligen. Der Entführer kann seine „Braut“ nun heiraten.

Es war Abend in Tetritskaro, einer Kleinstadt in der Provinz. Sandro saß in einem Taxi aus der Hauptstadt. Er hatte es gerufen, um eine Frau zu entführen. Tbilisi ist eine Dreiviertelstunde entfernt und die Fahrt war sicher teuer. In der Dunkelheit näherte sich das Auto dem Haus des Opfers. Tatia war gerade sechzehn Jahre alt, stand an der Straße und stieg in das Taxi ein. Die Türen fielen zu und das Auto fuhr durch die Nacht nach Tbilisi.

Es wurde schnell bemerkt, dass sie verschwunden war. Hektisch durchsuchten ihr Onkel und ihr Bruder die Straßen nach ihr. Wo war sie hin? Eben war Tatia noch im Haus und alles schien normal. Ihr Bruder befragte die Nachbarn und erfuhr, dass Sandro gesehen wurde. Der Onkel wusste, was das bedeutete. Er rief sogleich die Polizei an, um die Entführung seiner Nichte zu melden. Die Polizei handelte schnell und richtete Straßensperren um Tetritskaro ein. Sie kontrollierte alle Autos aus der Region genau, doch Taxis aus Tbilisi wurden nicht angehalten und durchsucht. Der Plan war aufgegangen und das Taxi aus der Hauptstadt hatte sich gelohnt. Sandro brachte sein Opfer zu entfernten Verwandten in Tbilisi und dort blieben sie zwei Tage. Doch war Tatia wirklich ein Opfer?

Elke sitzt in dem Haus von Tatia. Sie ist heute 23 Jahre alt und stillt gerade ihr zweites Kind. Ihre große Tochter spielt auf dem Fußboden und Sandro, der Entführer, ist auch da. Sie erzählen Elke von ihrer aufgeführten Entführung.

Tatia und der zwanzigjährige Sandro kannten sich schon einige Zeit, ehe sie ihre Entführung planten. Tatia lebte mit ihrem Bruder bei ihrem Onkel. Ihre Eltern arbeiteten in Griechenland, um Geld für die Familie zu verdienen. Die Liebe von Sandro und Tatia wurde von ihrem Bruder und ihrem Onkel nicht gerne gesehen. Aus diesem Grund planten letztere, Tatia bei einer Tante unterzubringen, in einem weiter entfernten Dorf. Die Beziehung zwischen den Liebenden sollte nicht weitergehen. Sandro bekam Wind von dem Plan und dann ging alles ganz schnell. Er forderte Tatia auf, ein wenig Kleidung einzupacken und sich am Abend bereit zu halten. Sandro besorgte derweil das Taxi aus Tbilisi. Am Abend verließ Tatia das Haus, ohne ihre Familie zu informieren, und stellte sich an die Straße. An diesem Abend nutzte sie das Aufführen einer Tradition, um der Tradition zu entfliehen. Ansonsten hätten ihre Eltern vielleicht über ihre Heirat bestimmt.

Nach zwei Tagen in Tbilisi hatte der Onkel seine Nichte gefunden. Tatia wurde zurückgebracht, aber nicht in das Haus ihres Onkels. Das ging nicht mehr. Sie ging mit Sandro zu seiner Familie. Die Eltern von Tatia in Griechenland waren sehr verärgert. Doch der Vater konnte sie nicht zurück in seine Familie holen. Niemand anders würde seine Tochter mehr heiraten wollen, dachte er. In den zwei Tagen in Tbilisi hatte sie ihre Ehre verloren. Neun Monate später heirateten sie und Sandro. In ihrer Hochzeitsnacht kam ihr erstes Kind zur Welt.

War die Entführung, die Elke in Tbilisi 2003 vor der Universität beobachten konnte, tatsächlich „gewaltsam“? Eine freiwillige Entführung wird genauso wie eine gewaltsame Entführung aufgeführt. Die Frau wehrt sich und versucht zu fliehen. Elkes Gesprächspartnerinnen deuten an, dass man den möglichen Zuschauern eine ernsthafte Aufführung bieten muss. Eine freiwillige Entführung muss genauso aussehen wie eine gewaltsame. Hat Elke vor der Universität in Tbilisi nun eine gewaltsame oder freiwillige Entführung gesehen?

Der Film mit Bibi und Tina wird am Ende überraschend tiefsinnig. Bibi steht vor dem Vater von Adea in Oroshi. Sie will ihn verhexen, damit er die Heirat annulliert und Adea wieder zur Schule gehen darf. Bibi hext und hext, doch nichts geschieht. Der Mann lacht und hält an dem Plan fest, seine Tochter zu verheiraten. Adea fügt sich in ihr Schicksal und Bibi verlässt frustriert das Schlachtfeld. Doch dann besinnen sich die Söhne eines Besseren. Sie hatten Adea durch den ganzen Film gejagt. Am Ende sehen sie es selbst ein, dass die arrangierte Ehe nicht gut ist. Sie überzeugen ihren Vater, die Heirat abzublasen. Und es kehrt wieder Ruhe auf dem Ponyhof ein. Zum Schluss tanzen alle, wahrscheinlich tanzt der SZ-Autor auch mit. Der Ethnologe sinkt tief seufzend in den Kinositz. Beim Hinausgehen ist ein Vater zu hören: Es sei schön, dass der Film für Kinder aktuelle Probleme aufbereite. Auf die vorsichtige Frage, ob der Film nicht etwas zu überspitzt daherkomme, antwortet er mit einem Schulterzucken. Vielleicht, aber in Albanien gehe es doch wirklich so zu! Der Ethnologe wünscht sich einen Moment, wie Bibi sein zu können: „Hex Hex“.

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