Sorge vor fliegenden Jurten

Es schneit wieder und ich huste wegen der Abgase. Ein Kollege meint, die Feinstaubbelastung sei heute sehr gering. Im Sommer würde es richtig pelzig auf der Zunge. Wir springen über die Pfützen und an den Zebrastreifen halten bereitwillig die Autos. Ich bin in Almaty. Zum ersten Mal in Zentralasien. Unser Ziel ist ein moderneres Café, das wohl gerne von Ausländern besucht wird. Hier spricht man Englisch. Am Nachbartisch wird sich über die Anzahl an Piloten in verschiedenen Fluggesellschaften ausgetauscht. Auf einem Regal im Gastraum steht dieses Bild: Jurten als Ufos und offensichtlich eine Drohung: Kasachen würden meine Mutter kidnappen.

Bild im Cafe Nadelka, Dostyk, Almaty

Es ist der letzte Kaffee in Almaty. Später wird es Richtung Flughafen gehen. Zwei Wochen lang gab ich immer abends von 18-22h eine Einführung in die Sozialanthropologie an der Deutsch-Kasachischen Universität (DKU). Ob ich mir vorstellen könnte, auch in Zentralasien zu forschen, fragte mich eine der Studentinnen. Multiethnische Beziehungen sei hier ein spannendes Thema. Es hören mir sechs tolle Menschen zu, mit usbekischen, deutschen, russischen, tschetschenischen, kasachischen und was weiß ich nicht noch für Wurzeln. Ich kam nicht mehr mit, als sie mir die Winkelzüge ihrer Familien aufzählten. Bisher dachte ich, dass der Kaukasus komplex sei.

Ganz bewusst hatte ich mich nicht in die Region eingearbeitet, obwohl es viele und wohl gute Arbeiten von Ethnologinnen und Ethnologen gibt. Nur in einen Reiseführer hatte ich mal kurz geschaut. So kam ich recht unvorbereitet an die DKU. Im Hauptgebäude hängt im Eingangsbereich Präsident Nasarbajew neben Merkel und Steinmeier. Ich überlegte hier kurz, ob ich über dieses traute Nebeneinander noch einmal länger überlegen sollte, aber ich traute mich nicht. Die kidnappen hier Mütter. Mutter Merkel in der Jurte.

Sie fragte wieder, ob ich mir vorstellen könnte, auch mal in Kasachstan zu forschen.  Zwei Wochen erarbeiteten wir uns gemeinsam die Grundlagen meines Fachs. Ich bespielte ein kleines Modul in einem MA-Studiengang Regionalwissenschaften Zentralasien. Diese Zeit gehörte zu meinen angenehmsten Lehrerfahrungen. Die fünf Studentinnen und der eine Student werde ich sehr gut in Erinnerung behalten. Nach ihrer Klausur, bei der ich genauso nervös war wie sie, brachten sie mich in ein usbekisches Restaurant. Dort habe ich meinen Kummer, diese Gruppe wieder zu verlassen, in einem Plov ertränkt.  Alkohol gab es dort nicht, aber Plov tut es auch.

Und sie fragte wieder. Ich hatte ihnen im Seminar erzählt, wie schwierig es in der Ethnologie sei, eine Forschungsregion zu wechseln. Man müsse sich neu in Sprache(n), Literatur und Netzwerke einarbeiten. Sie könnten mir helfen, war eine Antwort. Auch die Kolleginnen und Kollegen in der DKU waren sehr angenehm und gingen wie selbstverständlich davon aus, dass ich im nächsten Jahr wiederkomme.

Ob ich nun in Zentralasien forschen will? Ich würde schon gerne wissen, warum Kasachen mit fliegenden Jurten meine Mutter kidnappen wollen. Und warum gerade meine Mutter? Nun, ich überlege mal. Aber das Bild kann auch als Drohung verstanden werden.

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