Bibi und Tina

Der nachfolgende Text ist ein Beitrag zum Blog Kulturrelativismus und Aufklärung. Eine Debatte über den Umgang mit Fremdem, 16.05.2017. Text von Stéphane Voell und Elke Kamm.

Okay, okay – an diesem unwirtlichen Ort ist Vorsicht geboten. Wir sind auf dem Martinshof und es sind Sommerferien. Hufe klappern und Pferde traben. Sie springen über den Wassergraben und über Stock und Stein. Wer wird das wohl sein? Es sind Bibi und Tina auf Amadeus und Sabrina. Wie in jedem Jahr besucht Bibi Blocksberg ihre Freundin Tina Martin auf dem Reiterhof. Tohuwabohu Total heißt der vierte Kinofilm der Reihe und ist eine cineastische Herausforderung. Bibi ist eigentlich bekannt als lustige Hexe, durchlebt in zahllosen ausgesprochen innovativen Hörspielen unglaublich spannende Abenteuer, die sogar „Fünf Freunde“ oder „Drei Fragezeichen“ als literarische Meisterwerke erscheinen lassen. „Bibi und Tina“ ist ein Ableger dieser Reihe und sie jagen im Wind, sie reiten geschwind, weil sie Freunde sind.

Wir wurden vor ein paar Wochen gefragt, ob wir auch etwas zu diesem Blog beisteuern wollen. In der Hoffnung, etwas Sinnvolles schreiben zu können, sagten wir geehrt zu. Zunächst haben wir den SZ-Artikel gelesen und dann den Empörungstsunami darauf. Einige Beiträge im Blog waren anregend zu lesen. Anderen waren – sagen wir einmal – sehr interessant. Fassen wir zusammen: Ein SZ-Autor hat etwas über den Ponyhof Ethnologie veröffentlicht und dann sind die Pferde durchgegangen. Darüber ist nunmehr genügend geschrieben worden. Bleiben wir bei den Pferden. Bei „Bibi und Tina“ geht es um Geflüchtete und Zwangsheirat. Das ist ein sehr aktueller Kinderfilm.

Aufgesessen und lang die Zügel, Sattel fest, und Fuß in den Bügel. Es geht über Felder und über Weiden. Hier kennt jeder die beiden. Beide sitzen ab und gehen Angeln. Was man eben als Teenager so macht. Einige Zeit später beobachten Bibi und Tina, wie sich ein plötzlich aufgetauchter hungriger Flüchtlingsjunge über ihr Essen hermacht. Empört stellen sie ihn zur Rede, doch sie verstehen seine Sprache nicht. Da langwierige Integrations- und Sprachkurse den Rahmen des Films sprengen würden, hext Bibi dem verdutzten Jungen die perfekte Kenntnis der deutschen Sprache an.

Im weiteren Verlauf des Films stellt sich heraus, dass der Junge eigentlich ein verkleidetes Mädchen ist. Sie heißt Adea und ist vor ihrer Zwangsheirat aus Albanien geflüchtet. Das lässt ihre Familie nicht auf sich sitzen, denn ihr wurden Schafe für die Heirat versprochen. Es ist Ehrensache für ihre Familie, sie bis nach Deutschland zu verfolgen. Das geht natürlich gar nicht auf einem Ponyhof und Bibi beschließt zu helfen. Die Hexe ist empört von dieser Rückständigkeit und, wie in dem SZ-Artikel, werden die ewig gestrigen Traditionen der Wilden als unvereinbar mit der Ponyhofidylle gesehen.

Es wäre jetzt albern, mit einem „Lassen Sie mich durch, ich bin Ethnologe!“ über die gut gefüllten Popcorneimer in den Kinorängen zu springen und laut zu rufen: „Halt! Es ist nicht so, wie ihr denkt!“ Aber eigentlich machen wir das doch die ganze Zeit. Wir sind eigentlich Spielverderber, manische Besserwisser, die bestehende Vorstellungen und Strukturen stets hinterfragen und schön sortierte Weltbilder aufbrechen. Deswegen fahren wir mal kurz nach Albanien.

Doch wir sind zu spät. Bibi und Tina sind schon vor uns da. Sie sind am Ende des Films nach Albanien gereist. Die Sicherheit des Ponyhofs wird auch in Oroshi verteidigt. So heißt der Ort im Film. Überraschend ist, dass es den Ort wirklich gibt und er tatsächlich eng mit dem albanischen traditionellen Recht „Kanun“ verwoben ist. Dort war vor langer Zeit ein wichtiges Zentrum für die traditionelle Rechtsprechung.

Der Kanun war ein beliebtes Thema ethnologischer Arbeiten. Hier wurde bspw. diskutiert, warum nach vielen Jahren Steinzeitsozialismus der Kanun noch weiterhin eine Rolle spiele. Bis zum Beginn des Sozialismus 1944 war das traditionelle Recht in Nordalbanien wichtig. Während der turbulenten 1990er Jahre in Albanien soll es im Norden noch recht zivilisiert zugegangen sein, so berichteten Zeitzeugen. Stéphane war in den Jahren 1999-2003 mehrfach in Albanien. Der Kanun, so sagte man ihm, sei wiedererstarkt und hätte in Zeiten fehlenden Staates ein wenig Ordnung in das soziale Leben zurückgebracht.

Das Thema ist komplex. Es gibt den Kanun und er spielt bei vielen Menschen eine Rolle. Doch der Kanun ist auch ein Repertoire aus dem sich viele frei bedienen. Es gab in den 1990er auch kriminelle Vereinigungen, die ihre Handlungen mit Begriffen aus dem Kanun schmückten. Es gab Morde, die als Blutrache dargestellt wurden, um auf geringere Strafen vor Gericht zu hoffen. Stéphane hörte von Familien, die sich als bedroht von Blutrache darstellten, obwohl sie es nicht waren. Die wirtschaftliche Lage der Region war schlecht in dieser Zeit und viele Familien hatten kaum Geld. Als vermeintlich Verfolgte hofften sie auf ein wenig Unterstützung und Aufmerksamkeit von NGOs, die in Fällen von Blutrache vermittelten. Wäre es richtig, diese Familien zu entlarven?

Es fällt schwer, Bibi als Vorkämpferin für Frauenrechte zu sehen. Aber im Film empören sich Bibi und Tina zu Recht über die Zwangsheirat. Adea wollte in die Schule gehen, wie es im Film heißt, doch ihr Vater hat sie für ein paar Schafe verkauft. Dagegen kämpft Bibi und wer will dies nicht unterstützen? In Albanien trifft die hexende Göre vom Ponyhof auf die als Deppen aus den Bergen gezeichnete Lokalbevölkerung zu einem finalen Showdown. Wieder könnte ein Ethnologe durch die Kinoreihen hüpfen und rufen: „Halt! Ich will euch was erklären!“.

Das schwierige ist, dass es Zwangsheirat und häusliche Gewalt im Namen der Ehre und damit des Kanuns gibt. Dies können nicht nur Täter nutzen, sondern auch Betroffene. Stéphane hatte Anfragen von Juristen, die wissen wollten, ob es sein kann, dass eine Frau nicht nach Albanien zurückkehren kann, weil die Regeln des Kanuns sie bestrafen würden. Nun, das Recht allein kann man da nicht beschuldigen. Es sind eher Menschen, die auf das traditionelle Recht verweisen, um ihre Sichtweise auf die Dinge durchzusetzen. Stéphane hat keine Gutachten geschrieben: Natürlich kann es diese Fälle geben und sie sind vielleicht nicht selten. Doch es ist auch vorstellbar, dass sich Geflüchtete eine Geschichte ausdenken oder ihr Leid beim Asylantrag mit dem Verweis auf den Kanun überbetonen. Es ist ein wenig so wie jene Familien, die eine Verfolgung durch Blutrache vorgaben. Sie waren nicht verfolgt, doch vielleicht waren sie in einer verzweifelten wirtschaftlichen Lage, die sie dazu zwang, eine Geschichte zu erfinden. Stéphane wollte nicht derjenige sein, der diese Personen bloßstellt. Menschen schöpfen aus jenen Traditionen, unter denen sie sonst zu leiden scheinen, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen.

Dieses Thema beobachtete auch Elke. Sie war 2003 in Tbilisi zum Studieren. Vor der Universität wurde sie Zeugin einer bewegenden Szene. Eine junge Frau wurde vor der Universität am helllichten Tage entführt. Die Frau wehrte sich, schrie um Hilfe, doch die Entführer steckten sie in einen Wagen und fuhren davon. Elke war Zeugin einer Brautentführung in Georgien, ein heute seltenes Phänomen. Einige Jahre später forschte Elke zu diesem Thema und sprach mit einigen Frauen, die Opfer einer solch grausamen Erfahrung wurden.

Eine Frau wird hier entführt, um eine Heirat zu erzwingen. Nach mehreren Tagen der Abwesenheit von ihrem Elternhaus wird, so hört man vor Ort, ihre Jungfräulichkeit in Frage gestellt. Die Ehre der Frau und auch die der ganzen Familie sei hinterfragt. Die Familie könne ihr Ansehen verlieren, denn sie konnten ihre Tochter nicht beschützen. Es sei in dieser Vorstellung schlimmer, eine entführte Tochter zurückzuerhalten, als lieber direkt in eine Heirat unter diesen Bedingungen einzuwilligen. Der Entführer kann seine „Braut“ nun heiraten.

Es war Abend in Tetritskaro, einer Kleinstadt in der Provinz. Sandro saß in einem Taxi aus der Hauptstadt. Er hatte es gerufen, um eine Frau zu entführen. Tbilisi ist eine Dreiviertelstunde entfernt und die Fahrt war sicher teuer. In der Dunkelheit näherte sich das Auto dem Haus des Opfers. Tatia war gerade sechzehn Jahre alt, stand an der Straße und stieg in das Taxi ein. Die Türen fielen zu und das Auto fuhr durch die Nacht nach Tbilisi.

Es wurde schnell bemerkt, dass sie verschwunden war. Hektisch durchsuchten ihr Onkel und ihr Bruder die Straßen nach ihr. Wo war sie hin? Eben war Tatia noch im Haus und alles schien normal. Ihr Bruder befragte die Nachbarn und erfuhr, dass Sandro gesehen wurde. Der Onkel wusste, was das bedeutete. Er rief sogleich die Polizei an, um die Entführung seiner Nichte zu melden. Die Polizei handelte schnell und richtete Straßensperren um Tetritskaro ein. Sie kontrollierte alle Autos aus der Region genau, doch Taxis aus Tbilisi wurden nicht angehalten und durchsucht. Der Plan war aufgegangen und das Taxi aus der Hauptstadt hatte sich gelohnt. Sandro brachte sein Opfer zu entfernten Verwandten in Tbilisi und dort blieben sie zwei Tage. Doch war Tatia wirklich ein Opfer?

Elke sitzt in dem Haus von Tatia. Sie ist heute 23 Jahre alt und stillt gerade ihr zweites Kind. Ihre große Tochter spielt auf dem Fußboden und Sandro, der Entführer, ist auch da. Sie erzählen Elke von ihrer aufgeführten Entführung.

Tatia und der zwanzigjährige Sandro kannten sich schon einige Zeit, ehe sie ihre Entführung planten. Tatia lebte mit ihrem Bruder bei ihrem Onkel. Ihre Eltern arbeiteten in Griechenland, um Geld für die Familie zu verdienen. Die Liebe von Sandro und Tatia wurde von ihrem Bruder und ihrem Onkel nicht gerne gesehen. Aus diesem Grund planten letztere, Tatia bei einer Tante unterzubringen, in einem weiter entfernten Dorf. Die Beziehung zwischen den Liebenden sollte nicht weitergehen. Sandro bekam Wind von dem Plan und dann ging alles ganz schnell. Er forderte Tatia auf, ein wenig Kleidung einzupacken und sich am Abend bereit zu halten. Sandro besorgte derweil das Taxi aus Tbilisi. Am Abend verließ Tatia das Haus, ohne ihre Familie zu informieren, und stellte sich an die Straße. An diesem Abend nutzte sie das Aufführen einer Tradition, um der Tradition zu entfliehen. Ansonsten hätten ihre Eltern vielleicht über ihre Heirat bestimmt.

Nach zwei Tagen in Tbilisi hatte der Onkel seine Nichte gefunden. Tatia wurde zurückgebracht, aber nicht in das Haus ihres Onkels. Das ging nicht mehr. Sie ging mit Sandro zu seiner Familie. Die Eltern von Tatia in Griechenland waren sehr verärgert. Doch der Vater konnte sie nicht zurück in seine Familie holen. Niemand anders würde seine Tochter mehr heiraten wollen, dachte er. In den zwei Tagen in Tbilisi hatte sie ihre Ehre verloren. Neun Monate später heirateten sie und Sandro. In ihrer Hochzeitsnacht kam ihr erstes Kind zur Welt.

War die Entführung, die Elke in Tbilisi 2003 vor der Universität beobachten konnte, tatsächlich „gewaltsam“? Eine freiwillige Entführung wird genauso wie eine gewaltsame Entführung aufgeführt. Die Frau wehrt sich und versucht zu fliehen. Elkes Gesprächspartnerinnen deuten an, dass man den möglichen Zuschauern eine ernsthafte Aufführung bieten muss. Eine freiwillige Entführung muss genauso aussehen wie eine gewaltsame. Hat Elke vor der Universität in Tbilisi nun eine gewaltsame oder freiwillige Entführung gesehen?

Der Film mit Bibi und Tina wird am Ende überraschend tiefsinnig. Bibi steht vor dem Vater von Adea in Oroshi. Sie will ihn verhexen, damit er die Heirat annulliert und Adea wieder zur Schule gehen darf. Bibi hext und hext, doch nichts geschieht. Der Mann lacht und hält an dem Plan fest, seine Tochter zu verheiraten. Adea fügt sich in ihr Schicksal und Bibi verlässt frustriert das Schlachtfeld. Doch dann besinnen sich die Söhne eines Besseren. Sie hatten Adea durch den ganzen Film gejagt. Am Ende sehen sie es selbst ein, dass die arrangierte Ehe nicht gut ist. Sie überzeugen ihren Vater, die Heirat abzublasen. Und es kehrt wieder Ruhe auf dem Ponyhof ein. Zum Schluss tanzen alle, wahrscheinlich tanzt der SZ-Autor auch mit. Der Ethnologe sinkt tief seufzend in den Kinositz. Beim Hinausgehen ist ein Vater zu hören: Es sei schön, dass der Film für Kinder aktuelle Probleme aufbereite. Auf die vorsichtige Frage, ob der Film nicht etwas zu überspitzt daherkomme, antwortet er mit einem Schulterzucken. Vielleicht, aber in Albanien gehe es doch wirklich so zu! Der Ethnologe wünscht sich einen Moment, wie Bibi sein zu können: „Hex Hex“.

Es geht wieder los

Während CCC5 in Batumi 2015 filmt Julien Diebel für seinen Dokukmentarfilm
Während CCC5 in Batumi 2015 filmt Julien Diebel für seinen Dokukmentarfilm

2014. Wir saßen in Marburg in unserer Wohnung. Es waren einige der Organisatoren von Caucasus Conflict Culture (CCC) dabei und wir fragten uns, ob wir mit unserem studentischen Forschungsprojekt im Kaukasus weitermachen sollten. Was könnte es für Themen geben, die uns noch interessieren?

Seit 2011 organisieren wir studentische Forschungsprojekte im Südkaukasus mit zwanzig Studierenden aus der Region und Deutschland. Doch jetzt war etwas die Luft bei uns raus. Schon wieder diese ganze Organisation, für die einem kaum einer dankt? Einer von uns machte einen Vorschlag: Lass uns ein Projekt zu LGBT in Georgien machen.

Wir lächelten vor uns hin und spielten die Idee durch. Wahrscheinlich ging es uns damals gar nicht um das Thema LGBT an sich, sondern einfach darum, ein sehr unbequemes Thema zu wählen. Im Jahr zuvor stürmte ein Mob angeführt von Klerikalen mit Schaum vor dem Mund eine Gruppe von 50 Aktivisten, die am Int. Tag gegen Homophobie auf die Straße gingen. Die Bilder vom 17. Mai 2013 waren damals weltweit zu sehen.

Wir fanden es in der Vergangenheit schon schwierig genug, uns während des Projekts über Bergkarabach oder Abchasien  konstruktiv auszutauschen. Aber war das Thema LGBT nicht ein wenig zu heiß? Wir malten uns aus, wie es sein könnte: Wir eröffnen in Tbilisi unseren Workshop mit den Studierenden aus Armenien, Aserbaidschan, Georgien und Marburg und plötzlich stürzen wütende Menschen, Mönche und die berüchtigte Union der orthodoxen Eltern den Konferenzraum. Die Union hatte schon gegen den satanischen Harry Potter, Halloween-Feiern oder den Papstbesuch aufbegehrt. Jetzt würden sie CCC versenken.

2015 gab es dann wieder ein Projekt (CCC5) – aber nicht zu LGBT. Im letzten April arbeiteten wir in Batumi am Schwarzen Meer zum Thema Identität von georgischen Muslimen in einem christlich orthodoxen Land. Es war ein schönes Projekt, aber zu einem sehr klassischen Thema in der Region.

Im letzten Sommer wollte ich eigentlich die Deadline für einen neuen Antrag verstreichen lassen. Wieder war die Luft raus. CCC5 war gut gewesen und es wurde sogar ein schöner Dokumentarfilm gedreht. Es war der Zeitpunkt gekommen, aufzuhören, dachte ich. Doch die Kollegen aus dem Kaukasus meldeten sich: wir sollten einen neuen Antrag schreiben! Es sei doch ein schönes Projekt. Aber zu was für einem Thema? Da ließ man mich ein wenig alleine.

Ich erinnerte mich wieder an LGBT. Wäre die Zeit jetzt gekommen? Wohl kaum und die Chance von bärtigen Männern in Roben und satanischen Eltern richtig Probleme zu bekommen ist noch immer groß. Wir haben das Thema Sozialer Aktivismus gewählt, und wollen zu Bewegungen in Tbilisi arbeiten, die inspiriert von Occupy, Guerrila Gardening oder Recht auf Stadt ihre Stimme erheben. Ein Nebensatz im Antrag jedoch spricht auch von LGBT.

Mitte August geht es wieder los mit unserem Projekt. Wir bereiten uns brav auf Sozialen Aktivismus und Soziale Bewegungen im Kaukasus vor. Aber das Thema LGBTwerden wir in diesem Jahr nicht aus den Augen verlieren. Vielleicht will sich eines der Teams während des Projekts damit beschäftigen. Doch wir werden es nicht an die große Glocke hängen. Das Thema ist zu wichtig in Georgien und die bärtigen Verrückten viel zu gefährlich.

Jetzt liegt es vor

Straße bei Marneuli (2009)
Straße bei Marneuli (2009)

Das Buch sollte so etwas wie die finale Publikation sein. Das Projekt ist schon viele Jahre zu Ende: fast sechs davon sind bereits verstrichen. Unser Team hat sich aufgelöst und macht andere Sachen. Wir hatten einige Texte zu dem Projekt bereits veröffentlicht, doch es fehlte noch das Buch. Jetzt liegt es vor.

Es ist nicht so, dass wir sechs Jahre an dem Buch gearbeitet hätten. Das hätte dem Text sicher gut getan. Das Buch wurde immer nach hinten geschoben. Irgendwann musste dann eine Entscheidung getroffen werden: machen wir das Ding noch fertig oder lassen wir es ganz bleiben? Unser Geldgeber, die Volkswagen Stiftung, hatte das Buch bewilligt und das Geld überwiesen. Es gab wohl kein Weg mehr zurück. Jetzt liegt es vor.

Es ist eigentlich keine würdige Projektpublikation, denn es fehlen zentrale Aussagen aus unseren Projektergebnissen, die woanders veröffentlicht wurden. Die hätten wir unbedingt auch mit einbauen müssen. Sicher hätten uns die Verlage die Erlaubnis gegeben, dies zu tun. Doch es ist mir eingefallen als es schon zu spät war. Jetzt liegt es vor.

Sollte ich jetzt nicht Werbung für das Buch machen? Ich habe keine Lust, groß die Trommel zu rühren. Es gab einen Post auf Facebook, natürlich, und darauf auch viele Glückwünsche. Mein Post kam eher automatisch. Der Verlag in Marburg versucht, die Werbetrommel zu rühren. Ich freue mich darüber sehr aber irgendwie scheint es mir auch nicht wichtig, dass es jemand liest. Jetzt liegt es vor.

Warum? Ich glaube, dass das Buch ganz OK ist. Das Problem liegt woanders. Ich wollte vielleicht das Buch nicht zu Ende bringen, weil es bedeutet, dass es vorbei ist: diese Forschung in Georgien. Drei Jahre Projekt und 11 Monate Feldforschung. Ich vermisse das Team, das Leben vor Ort und die Forschung. Danach war alles anders. Jetzt liegt es vor.

Ich hole das Buch aus dem Regal und blättere es durch, so wie ein Daumenkino. Ich rieche die Druckerschwärze noch und blicke auf das Titelbild. Das Bild zeigt eine Straße in der Nähe von Marneuli auf dem Weg nach Khaishi in 2009. Ein Jahr später werde ich dort selbst mit meinem grünen Opel Astra Kombi, den ich mit meiner Kollegin von Marburg über Österreich, Ungarn, Serbien, Bulgarien und die Türkei nach Georgien gebracht habe, über die Straßen in die Dörfer der Swanen düsen. Doch jetzt liegt es vor.

Traditional Law in the Caucasus
Local Legal Practices in the Georgian Lowlands

edited by Stéphane Voell
Marburg: Curupira, 2016.

Vertretung

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Vorher hatte ich eine andere Stelle an der Universität, doch nun war ich Vertretungsprofessor. So stand es in dem Brief des Kanzlers. Für meine frühere Stelle hatte ich eine Urlaubskarte mit 30 Urlaubstagen im Jahr. Auf dieser Karte ist eine Tabelle, in der die gewünschte Anzahl von Urlaubstagen eingetragen und vom Vorgesetzten abgzeichnet werden. Ich hielt bis jetzt eine Urlaubskarte für eine Art Grundrecht. Doch meine erste Amtshandlung als Vertretungsprofessor war, dass ich meine Urlaubskarte abgeben sollte. Ich bräuchte diese nicht mehr, sagte mir eine freundliche Mitarbeiterin aus der Verwaltung. „Habe ich keinen Urlaub?“, fragte ich naiver Weise zurück. Nein, nicht direkt, denn eine Vertretungsprofessur sei ein besonderes Beschäftigungsverhältnis. Hier gebe es keine Urlaubskarte, aber die freie Wahl des Arbeitsplatzes. – Darüber musste ich erst einmal nachdenken.

Ich durfte die Professur für Kultur- und Sozialanthropologie in Marburg vertreten. Die Professur war nicht vakant: der Inhaber hatte ein Forschungsstipendium im Ausland und daher aus der Ferne das Zepter in der Hand. Ich vertrat ihn im Wintersemester 2015/16 und im Sommersemester 2016. Meine Hauptaufgabe in dieser Zeit war es, Lehrveranstaltungen zu halten. Ich liebe die Lehre und das ist hier ernst gemeint. Dort konnte ich mich etwas austoben und auch das eine oder andere neue didaktische Konzept einbringen. Ich hatte mehr Lehrveranstaltungen gemacht als ich musste, besonders auch im Tandem mit Kolleginnen und Kollegen. Auch nahm ich mir viel Zeit, studentische Arbeiten zu betreuen. – Zeit ist ein gutes Thema: Meine Kinder fragten mich nach ein paar Wochen, wann ich wieder zu meinem alten Job gehen würde. Sie würden mich kaum noch sehen.

Wirklich wichtige Entscheidungen hatte ich nicht zu treffen. Die Vertretung betraf neben der Lehre hauptsächlich den Verwaltungsalltag. Doch auch dieser war voller Überraschungen. Beispielsweise kam in die Völkerkundliche Sammlung – die zum Fachgebiet gehört – ein Sachverständiger für Risikobewertung und dieser meinte, dass in den afrikanischen Holzskulpturen im Magazin Ebola-Viren enthalten sein könnten. Ich wusste gar nicht wie gefährlich die Arbeit in der Sammlung ist. Eine andere Sicherheitsempfehlung sah vor, dass ich eine Person aus unserem Fach zu einer Leiterschulung abstellen sollte. Es ging hier leider nicht um den Erwerb von Führungskompetenzen, das wäre eine sinnvolle Fortbildung, sondern um die korrekte Verwendung von tatsächlichen Leitern und die Kompetenz prüfen zu können, ob eine Leiter überhaupt den Vorgaben entspricht.

Es gibt noch eine Menge an weiteren schönen und unschönen Dingen, die an dieser Stelle nicht angesprochen werden sollten. Und ich musste natürlich Urlaubskarten unterschreiben. Möglicherweise hält sich das Mitgefühl mit gegenüber in Grenzen, doch es ist komisch Urlaubskarten zu unterschreiben und selbst keine zu haben.

Die zehn Monate gingen schnell vorbei. Ich bin jetzt wieder einfacher Lehrbeauftragter und Mitarbeiter der Hochschuldidaktik. Doch stapeln sich auf meinem Schreibtisch Bachelor-, Master- und Hausarbeiten. Ich wusste es vorher, dass es so kommen würde, es ist aber komisch: Ich habe nun meine Urlaubskarte wieder (für den Job in der Hochschuldidaktik) aber arbeite eigentlich unbezahlt den Stapel an Arbeiten ab und meine Kinder fragen verwundert, warum ich weiter arbeite und keine Zeit habe, obwohl ich kein Vertretungsprofessor mehr bin.

Am Ende einer Sitzung des Proseminars Empirische Methoden für Bachelorstudierende gab es eine größere Anzahl von Studierenden, die sich nach den Formalien für die Prüfungsleistung erkundigten. Eigentlich hatte ich schon alles gesagt, aber ich wiederholte es gerne. Die Hausarbeit muss soundso lang sein, die Präsentation kann folgende Struktur haben und, ja, die angegebene Literatur ist verpflichtend. Ganz am Ende kam noch eine Studentin. Sie habe keine Frage und auch kein besonderes Anliegen: Sie wolle einfach nur mal sagen, dass Sie es ganz toll fände, wie ich das so mache und sie mir das sagen mal wolle, weil man „so was“ eigentlich selten sage, und deswegen wollte sie es loswerden. Ich war sprachlos und glücklich. Und irgendwie freue ich mich auch auf den Stapel an Arbeiten auf meinem Schreibtisch.

Der Schwarze Mann

„Ich bin noch immer da!“ Der Schwarze Mann sitzt bei uns mit am Tisch. Keiner spricht mit ihm, keiner redet über ihn. Im Augenwinkel ist er sichtbar, aber niemand versucht, genau hinzusehen. Seit fünf Jahren machen wir unser Programm Caucasus Conflict Culture (CCC) und die Konflikte vor Ort sind immer mit dabei. Kurz vor Beginn von CCC5 zeigte uns der Krieg in Bergkarabach in aller Deutlichkeit, dass er weit davon entfernt ist, gelöst zu sein. Er köchelt seit über zwanzig Jahren vor sich hin und wenn die Beteiligten nicht aufpassen, kocht er über. „Ich bin noch immer da“, sagt uns der Schwarze Mann, „was auch immer ihr mit CCC macht.“

Der DAAD war in den letzten Jahren sehr großzügig mit uns. Seit 2011 fördert er CCC. Im April trafen wir uns in Batumi am Schwarzen Meer zu CCC5. Hier brachten wir Studierende aus Armenien, Aserbaidschan, Georgien und Deutschland zusammen. Ziel ist es immer, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam eine kleine ethnologische Feldforschung durchführen. Finanziert wird diese Projektserie vom DAAD im Rahmen der Initiative zur Förderung von Dialog und Konfliktprävention im Südkaukasus. CCC ist damit qua Programm auch ein wenig Friedensförderung, doch ich weiß nicht, ob wir diesem Anspruch gerecht werden können.

In diesem Jahr forschten die Teams zur aktuellen Relevanz des muslimischen Erbes im georgischen Adscharien. Lange Zeit war diese Region Teil des Osmanischen Reiches und es entwickelten sich dort bis heute bestehende muslimische Traditionen. Diese prallen seit dem Ende der Sowjetunion auf den eng mit dem Christentum verwobenen georgischen Nationalismus. Wie die Menschen vor Ort in dieser vielschichtigen Gemengelage ihren Alltag in der Stadt und im Dorf strukturieren stand im Zentrum des Projekts.

Ich bin stolz, mit meinen Kolleginnen und Kollegen CCC organisieren zu können. Ob Georgier, Armenier oder Aserbaidschaner – sie kennen sich seit Jahren. Dies geschah oft im Rahmen von Programmen der Heinrich-Böll-Stiftung im Südkaukasus, die eine beeindruckende Arbeit in der Förderung der Zusammenarbeit von Forscherinnen und Forschern im Südkaukasus leistet.

Interessant ist, dass wir im Team eigentlich nie über die Konflikte selbst reden. Und ich weiß gar nicht warum. Blendet man Schmerzen einfach aus? Nimmt man sie hin, wie Wetter, das mal besser, mal schlechter ist?

Das Design unserer Projektreihe ist, dass wir auf Themen fokussieren, die konfliktreiche Felder betreffen, aber nicht die eigentlichen Kriege der Region. Unsere Überlegung dabei war, dass es gar nichts bringen würde, über Karabach, Abchasien oder Südossetien zu sprechen, denn die Konflikte scheinen viel zu festgefahren. Aber eigentlich haben wir keine Ahnung, denn wir haben es nie probiert, direkt über die Konflikte zu sprechen. Waren wir zu feige?

Es war in Kutaisi im letzten Jahr, bei CCC4. Ich war leider selbst nicht dabei gewesen. Aber wie mir berichtet wurde, sei es wohl ein sehr schöner Moment gewesen. Ein aserbaidschanischer Teilnehmer hob sein Glas zu Ehren einer armenischen Studentin und wünschte ihr zum Geburtstag alles Gute. Er würde zum ersten Mal einen Toast auf eine Armenierin sprechen. Er wünsche sich, dass sie irgendwann in der Zukunft gemeinsam in Bergkarabach anstoßen könnten. Natürlich, man könnte hier einwenden, dass bei Trinksprüchen in Georgien nicht selten sehr unrealistische Ziele ausgelobt werden. Dennoch sagten einige aus dem Team hinterher, dass sie bewegt von dieser Szene waren.

Doch der Schwarze Mann, der mit am Tisch sitzt, ist geduldig und wartet nur auf den richtigen Moment, seinen nächsten Toast auszusprechen. „Ich bin noch immer da!“, egal ob es ein CCC6 gibt oder nicht.

Border Watching

Grenzen erscheinen Forscherinnen und Forscher in Konfliktregionen als Pilgerstätten. Wenn wir über unsere Forschungsgebiete sprechen, dann gehört es zum guten Ton, auch einmal an diesen Grenzen gewesen zu sein, die den Alltag der Menschen vor Ort prägen: Border Watching. Ein Besuch an Grenzen, wie ein Grenzposten zwischen Georgien und Südossetien, gehört unbedingt in unser Portfolio. Ein paar Bilder dazu – auf Facebook gepostet – wirken hier gut. Noch besser ist es allerdings, eine Grenze zu überschreiten, wie die Enguri-Brücke von Georgien nach Abchasien, und auf die „andere Seite“ zu kommen. Das Überschreiten der Grenze als transzendentales Erlebnis: „Lassen Sie mich durch, ich bin Ethnologe!“

Ein Armenier, ein Aserbaidschaner, ein Georgier und ich fahren an die Grenze. Der Georgier betont, dass es eigentlich keine Grenze ist. Das muss er so sagen. Wir fuhren von Gori ca. 25 km nach Norden, und dann standen wir an der Nicht-Grenze zu Südossetien. Der Grenzposten sah behelfsmäßig aus und bestand aus säuberlich aufgestellten Autoreifen. Grimmig dreinblickende Polizisten und andere Uniformierte empfingen uns. Mein georgischer Kollege, in seiner ihm eigenen forschen und direkten Art, stellte sich vor die Polizisten und fragte, ob wir ein paar Bilder machen könnten. Die Uniformierten schauten meinen Kollegen an, als stünde der Weihnachtsmann vor ihnen.

Mein georgischer Kollege wollte uns anbieten, Bilder von Tskhinvali zu schießen. Das ist die Haupstadt von Südossetien und sie lag in nur drei Kilometern Entfernung in Sichtweite vor uns. Dazwischen waren dummerweise ein paar Militäranlagen. Überraschenderweise sicherten uns die Polizisten zu, ihre Vorgesetzten anzurufen. Das verwunderte mich: ich hätte gedacht, dass man uns augenblicklich laut und deutlich auffordern würde, das Weite zu suchen. Doch es kam anders. Die Polizisten riefen ihre Vorgesetzten an, notierten unsere Namen, dass wir „Wissenschaftler“ seien (sie haben hier mehrfach nachgefragt), das Nummernschild des Autos, und haben uns dann aufgefordert, das Weite zu suchen. Unser armenischer Kollege, er wollte von Anfang an nicht mit, schüttelte den Kopf: einmal zur Grenze fahren, um sich registrieren zu lassen, und zurück. Was für ein Quatsch, sagte er.

Aber da wir die Reise zur Grenze nicht umsonst gemacht haben wollten, und da wir den Grenzbesuch auch für alle sichtbar in unser akademisches Portfolio einfügen wollten, war es erforderlich, doch irgendwie an Bilder zu kommen. Langsam fuhren wir die Straße zurück und schauten nach Punkten aus, von wo wir doch einen Blick auf Tskhinvali erhaschen könnten. Plötzlich hielt der Georgier: Hier sei es gut. Eigentlich sahen wir nur Bäume. Im Hintergrund, mittlerweile einige Kilometer entfernt, erblickten wir schließlich ein paar Häuser. Tskhinvali! Ich machte ordnungsgemäß ein paar Bilder und setzte eins davon auf Facebook. So gehört sich das.

Aber leider verblasste ich vor dem „Erfolg“ eines anderen armenischen Kollegen. In Zugdidi, unweit der Grenze zu Abchasien (ja, ich weiß, es ist eigentlich keine Grenze, dafür sieht sie aber einer Grenze zum Verwechseln ähnlich), war unsere andere Gruppe unterwegs. Eine Deutsche, eine Georgierin, ein Aserbaidschaner und ein Armenier waren auf der Enguri-Brücke. Das ist ein Hotspot für Border Watching. Auf der einen Seite ist Georgien, auf der anderen Seite stehen Abchasen. Mit einem Visum darf man einreisen. Doch der Armenier machte es noch geschickter. Er war schon den zweiten Tag hintereinander auf der Brücke und machte immer wieder Fotos. Doch zwei Tage hintereinander Fotosmachen, das war den abchasischen Grenzposten zu viel des Guten. Sie baten unseren Kollegen mitzukommen. Er wurde über die Grenze in den Ort Gali nach Abchasien gebracht und dort verhört.

Es gab hektische Telefonate zwischen der Gori- und der Zugdidi-Gruppe. Was sollte jetzt getan werden? Unser Kollege ist an der Grenze verhaftet worden! Ich fragte meine kaukasischen Kollegen. Sie lachten laut und sagten, dass wir nichts unternehmen sollten. Einfach nur warten. Einer von uns äußerte sogar die Hoffnung, dass man ihn in Gali über Nacht einbehalten sollte. Ein anderer meinte, dass unser armenischer Kollege wahrscheinlich sogar stolz sei, verhaftet worden zu sein. Er hätte schon mehrere Geschichte gleicher Art von Reisen im Nordkaukasus mitgebracht. Vielleicht schreibe er sogar mal einen Artikel darüber, soll er später gesagt haben.

Ich bin tief beeindruckt. Der armenische Kollege ist an die Grenze gekommen, hat Bilder gemacht, wurde sogar verhaften und konnte dann auch noch ohne Visum nach Abchasien einreisen. Das ist fast die höchste Ehre für einen Forscher. Von Kollegen, die im Nordkaukasus forschen, höre ich auch regelmäßig Erzählungen, dass sie mit FSB, Polizei oder Militär ein paar Stunden verbracht haben. Es klingt wie eine Trophäensammeln. Ich bin wohl ein sehr schlechter Ethnologe: ich habe hier nichts vorzuweisen. Ich wurde nie verhaftet und habe nie jemanden geschmiert.

Der armenische Kollege kam nach ein paar Stunden heil zurück nach Zugdidi. Er machte wohl einen glücklichen Eindruck, wie man mir sagte. Unsere georgische Organisatorin war jedoch sehr verärgert. Dieses Ereignis könne auf sie zurückfallen. Sie sagte: „Ich werde ihn töten!“ Es klang etwas freundlicher in der direkten Rede, doch es war deutlich. Ich bin mir jedoch sicher, auch dies würde dem armenischen Kollegin freuen: Er macht Bilder auf der Grenze, wird von Abchasen verhaftet und anschließend von einer Georgierin getötet. Was für ein erfüllter Tag voller neuer Erfahrungen.

Spaziergang mit Stalin

Wir hatten einen schönen Spaziergang in Gori hinter uns. Diese georgische Kleinstadt ist außerhalb der Region eigentlich nur bekannt, weil dort zufällig Stalin geboren wurde. Und weil eben sonst nichts Wichtiges dort passiert ist, wird eben Stalin in der Stadt gehuldigt. Naja, man nimmt halt was man hat. Dummerweise hat er ein paar Millionen Menschen auf dem Gewissen, aber das scheint hier nicht sehr relevant zu sein.

Sergey und ich saßen in einem Café am Stalin Platz gegenüber der Regionalverwaltung, dort wo bis 2010 eine große Stalin Statue gestanden hat. Das Café in dem wir saßen hieß „Champs-Élysées“ – ein sonderbarer Name an diesem Ort. Wir tranken einen Cappucino und einen Americano, die eigentlich viel zu teuer waren. Als wir weiter unseres Wegs gingen summte ich vor mich hin. Ich sang den Klassiker von Joe Dassin „Aux Champs-Élysées“ leise vor mich hin. Wir schritten den Stalin Boulevard, der vom Stalin Platz zum Stalin Museum führt, entlang und langsam wurde aus „Aux Champs-Élysées“ so etwas wie „Oh Stalinis Gamziri“. Gamziri ist Georgisch für „Boulevard“. Diese Melodie mit diesem Text wollte mir den Rest des Tages nicht mehr aus meinem Kopf, sehr zum Leidwesen meiner Mitmenschen. Und Sergey war überrascht: „Der Hauptboulevard heißt wirklich immer noch Stalin Boulevard!“ In Georgien, wo die Namen der Straßen regelmäßig wechseln, bleibt man bei Stalin. „Schau nur“, meinte Sergey, „die haben sogar ganz neue Straßenschilder mit ‚Stalin Boulevard‘ beschriftet. Die wollen das wirklich hier!“

Wir hatten heute schon so einige Staline gesehen. Den ersten Stalin sahen wir im Akhalbagi Park. Es war fast romantisch: umringt von Palmen, Blumen und frisch gegossenen anderen Pflanzen wachte er über Kinderspielplatz, Bar, und Fußballstadion. Halb links hinter ihm, so dachten wir zuerst, hatte man überraschenderweise an seine Gräueltaten erinnern wollen. Doch bei näherem Hinschauen entpuppte sich der vermeintliche Nachbau eines Sowjetgefängnisses aus den 1930er nur als kleiner Zoo.

Eher zufällig trafen wir einen weiteren Stalin. Sergey wollte sich nach Zugtickets erkundigen. Wir liefen zum Bahnhof in Gori und, Überraschung, in der Wartehalle des Bahnhofs wartete er wieder auf uns. Auf rosa Sockel vor rosa Putz war er da. Sauber und gepflegt sah er aus, als würde man ihn täglich putzen. Nein, ich bin sogar sicher, man putzt ihn täglich hier.

Ganz viele süße kleine Stalinchen sahen wir dann in den Souvenirläden gegenüber dem Stalin Museum. Auf Tassen, Tellerchen, Schnapsgläschen, Flachmänner oder Streichhölzerschachteln fand ich meinen alten Freund. Kurz überlegte ich, ob ich nicht eine kleine Stalin-Statue kaufen und auf meinen Schreibtisch in Marburg stellen sollte. Doch dann erschreckte ich über mich, warum ich nur einen Moment darüber nachdachte, mir einen Massenmörder ins Zimmer zu holen.

Aber Stalin ist wohl sexy. Große Reisebusse kommen und gehen vor dem Stalin-Museum. Tbilisi ist nicht weit und während meines kurzen Aufenthaltes konnte ich tagaus tagein unzählige Touristen sehen, die das Stalin-Museum besuchten. Warum tun sie das? Ist es die Vorstellung, etwas politisch unkorrektes zu tun, d.h. in dieses indiskutable Museum zu gehen? Mutige Reisende besuchen Tschernobyl oder Nordkorea, eine light-Version dieses Dark Tourism führt wohl in das Stalin Museum. Würde man eine politisch korrekte Ausstellung im Museum aufbauen, dann sähe man möglicherweise nicht mehr so viele Touristen. Ich schlage noch ein Museumscafé vor, mit teurem Cappuccino und Americano aus roten Tassen mit Stalinbild. Aber es gibt hier nur den immer gleichen Stalin Tand im Museumsshop.

Unsere Museumsführerin war schlecht. Stalin hätte es nicht gemocht. Sie versuchte offenbar eine auf fünfundvierzig Minuten terminierte Führung in fünf durchzuführen. Häufig stand sie an einer Station im Museum, fing an zu reden, während der Großteil unserer Gruppe noch zwei Stationen früher kopfschüttelnd vor den Massen von Stalin Ikonen standen. So viele kleine und große Staline mussten angesehen werden. Die Museumsführerin sagte aber überraschenderweise, dass das Stalin Museum als Produkt der 1950er Jahre gesehen werden muss, seine ganzen Verbrechen würden hier deshalb nicht thematisiert. Immerhin.

Eine unserer Studentinnen aus Aserbaidschan verspürte Respekt, Ärger und Abscheu an diesem Ort. Sie wollte eine Büste Stalins anfassen, aber sie konnte nicht. Beeindruckend was Stalin noch für einen Eindruck machte. Andere machten aber Bilder, für die sie sich neben Stalin stellten wie neben Mickey Mouse in Disneyland. Wieder andere wollten Stalin für ein Bild ein paar Hasenohren machen. Ärgerlich fuhr eine Aufseherin den Studentinnen und Studenten in die Parade. Vielleicht ging es ihr hier tatsächlich um einen konservatorischen Aspekt. Hätten die Studentinnen Stalin jedoch geküsst, dann wäre die Aufseherin – so wie viele andere in Gori – wahrscheinlich glücklich und stolz gewesen.