Altstadt in Gori

Zusammen mit einer armenischen Kollegin laufe ich durch „Old Gori“. Gori ist eine Kleinstadt in Georgien mit ca. 45.000 Einwohnern, eine Stunde von der Hauptstadt Tbilisi entfernt. Sie ist bekannt als Geburtsstadt Stalins und Aufnahmeort Tausender georgischer Binnenflüchtlinge aus Südossetien nach dem Krieg im August 2008. In den letzten Jahren wurde aber Gori von der georgischen Renovierungswelle erwischt.

Die Kollegin Schuschanik meint, dass die Altstadt aussehe wie eine Filmkulisse. Dieser Vergleich könnte kaum besser sein. Gerade noch wurde ein Film abgedreht, der sich mit den Jugendjahren Stalins in Gori beschäftigt, aber mittlerweile hat die Filmcrew das Set verlassen. Nur die Kulissen stehen noch. Das für den Film nachgebaute Gori, das den Häusern aus den Bildern von damals nahekommt aber doch etwas ganz anderes ist, zieht die neugierigen Bewohner Goris an, die Stück für Stück ihr vermeintlich altes Gori neu für sich erschließen.

Eigentlich besteht dieses neue alte Gori nur aus einer Straße. Die meisten Häuserfronten lassen vermuten, dass niemand in den Häusern wohnt oder Geschäfte betreibt. Sicher, es gibt ein paar Second-Hand Läden, zwei kleinere Hotels und einen Sargverkäufer. Die Menschen jedoch wohnen in den Hausreihen hinter der renovierten Front. Hinter der Filmkulisse scheint das wahre Leben.

Wir sind seit ein paar Tagen in einem Hotel ohne Namen in „Old Gori“. Das Hotel soll einmal „Flora“ heißen, aber ist noch gar nicht offiziell als solches angemeldet. Die Besitzerfamilie hat uns herzlich aufgenommen, uns das Hotel komplett zur Verfügung gestellt und damit auch dafür gesorgt, dass wir uns in den Filmkulissen sehr wohl gefühlt haben.

Abends saßen wir mit Bier auf dem Stufen vor dem Haus und wurden von der Lokalbevölkerung angeschaut wie Zootiere. Mehrere Autos und Personen drehten mehrfach am Abend ihre Runden um das Hotel. Wir fragten uns, ob das nur daran liegt, dass auch die Menschen aus Gori ihre neue Altstadt langsam annehmen oder weil sie die Gäste anschauen wollten.

Es sind teure Renovierungen oder besser gesagt Neuerschaffungen des Alten. Es gibt in Georgien sicher schlimmere Bausünden, wie bspw. die Kathedrale Bagrati in Kutaisi. Doch mich ärgert wie viel Geld hier ausgegeben wird und viele Dinge nicht zu Ende gemacht werden, sobald man hinter die Fassade schaut. Das Holz an den Balkonen wirkt jetzt schon alt, andere Außenkonstruktionen scheinen baufällig. Ich hatte eine Türklinke in der Hand und bei manchen Fenstern überlegt man zweimal bevor man sie öffnet. Es wirkt eben wie eine aufwändige Filmkulisse, die für mehrwöchige Dreharbeiten aufgestellt wurde, aber nicht für einen längeren Zeitraum gebaut ist.

Gegenüber von unserem Hotel steht ebenfalls ein leeres Haus, auf das wir jeden Abend schauen. Vielleicht wird es einmal ein Hotel oder ein Restaurant sein. Unsere Hotelbesitzer meinen, dass es das Haus von Wano Merabischwili sei. Er war in der Regierung Mikheil Saakaschwilis ein einflussreicher Politiker und lange Jahre Innenminister. Seit einiger Zeit sitzt er in Haft weil er Staatsgeld für den Wahlkampf seiner Partei veruntreut haben soll.

Es stehen viele Häuser leer in Old Gori. Man könnte vielleicht vermuten, dass es viele Merabischwilis gibt, die in Gori investiert haben oder über irgendwelche andere Kanäle an die Häuser gekommen sind. Wahrscheinlich sind die Häuser gar nicht leer, deren Besitzer sind nur alle in Haft und in einiger Zeit wird die Altstadt Goris ein großes Resozialisierungsprojekt für ehemalige Strafgefangene.

Bagrati revisited

Kathedrale Bagrati in Kutaisi (2004)
Kathedrale Bagrati in Kutaisi (2004)

Es war eine Rückkehr. 2004 war ich das erste Mal in Georgien. Damals brachte mich mein Kollege Lavrenti Janiashvili nach Kutaisi und dort zur Kathedrale Bagrati aus dem 11. Jahrhundert. Die Kathedrale war damals eine Ruine. Ende des 17. Jahrhunderts hatten die Osmanen das Bauwerk in die Luft gejagt. Diese Ruine, imposant über der Stadt gelegen, hatte mich damals sehr beeindruckt.

Kathedrale Bagrati in Kutaisi (2015)
Kathedrale Bagrati in Kutaisi (2015)

Gestern Abend, fast elf Jahre später, war ich wieder dort. Und auch wieder mit Lavrenti. Die Kathedrale wurde 2012 renoviert. Das Gebäude hat wieder ein Dach und eine Kuppel erhalten. Die grünlichen Dächer glänzen etwas künstlich über der Stadt. Die Kathedrale machte auf nun einen ganz anderen Eindruck auf mich. Vielleicht ist sie originalgetreu renoviert worden, das kann ich nicht sagen. Aber jetzt ist es einfach nur eine Kirche, wie so viele hier. Sogar eine Kirche mich Aufzug. Gut, das ist schon besonders.

Es gab mal eine Zeit, da fragte ich mich, warum bauen die Georgier so viele neue Kirchen? Über das Land verteilt gibt es unzählige Neubauten. Wäre es nicht sinnvoll, fragte ich mich, die ebenso zahlreichen Kirchenruinen zu renovieren? Vielleicht wäre es besser die alten Mauern wieder aufzurichten als neue aufzubauen? Doch ich habe mich wohl geirrt. Bagrati war als Ruine großartiger, eindrucksvoller, bedeutender, und – nun – mir fehlen hier adäquate Worte.

An andere Stelle äußerte ich mich kritisch zu möglichen Renovierungen ehemaliger deutscher Dörfer in Georgien. So eine Kritik ist natürlich schnell und einfach gesagt. Sicher gibt es viele Menschen, denen die Renovierungen hier in Georgien so gefallen. Und auch Bagrati wird viele in Kutaisi in dieser Form ansprechen. Für mich persönlich kann ich nur sagen, dass ich nicht hätte wiederkommen sollen. Bagrati vor elf Jahren war mir in so schöner Erinnerung. Und wenn man so durch die Stadt geht, dann hätte es sicher bessere Orte gegeben, um das an der Kathedrale verbaute Geld auszugeben.

(Fast so spannend wie) Brandschutz

Wenn es denn so einfach wäre ...
Wenn es denn so einfach wäre …

Seit einiger Zeit arbeite ich vermehrt im Bereich der Hochschuldidaktik, in der zentralen Hochschuldidaktik der Universität Marburg. Die verschlungenen Pfade der Arbeit an Hochschulen führten mich mit einem Bein dort hinein. Nein, keine Sorge, es ist nicht ansteckend und es tut auch nicht weh. Aber ich sehe nicht selten Skepsis in den Augen meiner Gesprächspartnerinnen und -partner. Wenn ich von meiner Arbeit in der Hochschuldidaktik spreche, dann scheint diese Tätigkeit für mein Gegenüber nicht selten so spannend wie Brandschutz. Ja genau, diese anstrengenden Mitmenschen, die Glastüren an scheinbar sinnfreien Standorten einziehen und alle jene Dinge, die klinisch tote Gebäudegänge geringfügig lebendiger erscheinen lassen (ein Poster, eine zarte Topfpflanze, oder ein Stuhl vor dem Zimmer des Professors) lautstark mit dem Verweis „Das ist doch ein Fluchtweg!“ entfernen lassen. Hochschuldidaktik scheint wie Brandschutz. Irgendwie ist es schon wichtig, aber eigentlich lästig und unendlich wichtigtuerisch.

Seit 1999 bin ich in der glücklichen Lage, regelmäßig Lehrveranstaltung halten zu dürfen. Ja, ich bin glücklich, denn es bereitet mir Freude. Kurz nach dem Magister setzte man mich vor die Studierenden, gefolgt von einem „Sie schaffen das schon!“ und – weil ich offenbar noch nicht überzeugt schaute – einem „Schauen Sie es sich einfach bei uns ab wie es geht!“ Ich schätze noch immer sehr einen Großteil meiner akademischen Lehrer von damals, doch auch sie hatten Entwicklungspotential in manchen Bereichen.

Irgendwann kam der Moment in dem ich mir dachte, wenn du so in deinen Lehrveranstaltungen weiter machst, dann rennen dir deine Studierenden alle schreiend aus deinem Seminar, oder schlimmer, sie schlafen dir ein, oder noch schlimmer, du schläfst selbst ein. Seitdem strukturierte ich meine Veranstaltungen um, probierte neue Formate aus und arbeitete mich in allgemeine didaktische und methodische Themen ein. Ich schaute in meinem Fach nach innovativen Formaten (was leider nicht fürchterlich lang dauerte) und tobte mich ein wenig in Veranstaltungen aus. Ich hätte nicht mein Student gewesen sein wollen, aber mir zumindest hat es Spaß gemacht. Vielleicht war es dennoch lustig mit anzusehen, wie das eine oder andere überraschenderweise doch funktionierte, anderes jedoch auch scheiterte. Nun, es kommt immer darauf an wie man es im Nachhinein darstellt …

Ich beschäftige mich mit Fachdidaktik. Und eigentlich ist mein Eingangssatz „Seit einiger Zeit arbeite ich vermehrt im Bereich der Hochschuldidaktik“ relativ banal. Es sollte kein großes Thema sein, sich mit Fachdidaktik zu beschäftigen. Ein Großteil unserer Arbeit an Hochschulen hat direkt und indirekt mit Didaktik zu tun. Sobald man sich vor Menschen stellt, und ihnen was vermitteln will, dann sollte man sich über Didaktik und Methodik (der Lehre) Gedanken machen. In die Feldforschung geht man doch auch nicht unvorbereitet und benötigt ein Forschungsdesign und Methoden (der Kultur- und Sozialforschung). Dabei könnte man auf Letzteres, die Methoden im Feld, noch verzichten. Wenn man hier nicht vorbereitet ist, dann schadet man nur seinem eigenen Forschungsprojekt. In der Lehre, hingegen, führt der Verzicht von didaktischer und methodischer Vorbereitung zu weitaus größeren Schäden.

Aber die Lehre ist das ungeliebte Stiefkind. In unseren großen Forschungseinrichtungen wird Lehre als Störfaktor ausgeblendet. Doch auch in der Universität wird immer gerne versucht, sich von der Lehre zu befreien. Hier kann man keine zählbaren Meriten für die individuelle Karriere erwerben. Diese Reaktion ist verständlich, denn die Rahmenbedingungen wollen es so, aber es ist auch fürchterlich bequem. Es gibt Freisemester zum Forschen für Professuren, warum gibt es nicht mal ein Freisemester zum Lehren?

Wiederentdeckungen deutscher Dörfer in Georgien

Haus in Asureti (2009)
Haus in Asureti (2009)

Anfang des 19. Jahrhunderts machten sich württembergische Pietisten auf den Weg in den Kaukasus. Sie waren vom Zar eingeladen worden, sich an der Südgrenze des Reiches niederzulassen. In Georgien gründeten sie unter anderem die Orte Katharinenfeld (heute Bolnisi) und Elisabethtal (Asureti). 1941 wurden die deutschen Kolonisten von Stalin nach Zentralasien deportiert. Zurück blieben nur leere Fachwerkhäuser und Kirchen. Zusammen mit meiner Kollegin wohnten ich 2009 einige Wochen in Asureti, als Deutsche in einem ehemaligen deutschen Dorf. In den folgenden Jahren kammen wir immer wieder zurück nach Asureti. Der Dorfkern bestand nur aus maroden Fachwerkhäusern, doch mit teils blühender Phantasie berichteten uns die Georgier in Asureti von dem Leben und Errungenschaften der Deutschen.

Das Interesse an den deutschen Dörfern in Georgien scheint zu wachsen. Der Landkreis Tetritskaro, in dem Asureti liegt, hat ein Projekt mit dem Titel „Deutsches Dorf“ ins Leben gerufen. Hier soll es darum gehen, „die wirtschaftlichen Traditionen der deutschen Siedler – Weinbau, Bierherstellung, Getreide- und Kartoffelanbau, Viehhaltung und Herstellung der Milchprodukte – wieder herzustellen.“ Sie haben auch schon eine Delegation nach Deutschland geschickt. Es wurde auch ein Verein in Tbilisi gegründet, in dem sich motivierte Deutsche und Georgier die Unterstützung des Erhalts des kulturellen Erbes auf die Fahnen geschrieben haben. Auch im Deutschlandfunk gab es einen Bericht über die Renovierungspläne für die ehemaligen deutschen Dörfer. — Ich finde es gut, dass die Dörfer jetzt renoviert werden sollen und es auch eine wirtschaftliche Perspektive für die aktuellen Bewohner gibt. Doch ich bin skeptisch, wenn man die anderen „Renovierungen“ in der Region sieht.

Im Sommer 2013 arbeiteten wir mit einem studentischen Forschungsprojekt zu den Kaukasusdeutschen. Eine Gruppe forschte in Bolnisi und Asureti, eine andere Gruppe reiste nach Göygöl (Helenendorf). Letzteres liegt in Aserbaidschan und dort hat man schon seit einiger Zeit das deutsche Erbe entdeckt. Beispielsweise wurde die Kirche in Helenendorf als Museum hergerichtet oder man erfand den „letzten Deutschen„, in dessen Haus ein Museum geplant ist. Bemerkenswert ist allerdings die Renovierung der alten deutschen Häuser dort. Alle wurden gleichermaßen weiß gestrichen, im oberen Teil mit einfachen Kieferpanelen versehen und die Sockel mit überall gleichen Mustern beklebt, die den Eindruck von gemauerten Wänden erwecken sollen.

Die deutschen Dörfer in Georgien wirken gegen Helenendorf wie Bruchbuden, aber das soll sich nun ändern. Es ist wichtig, doch es macht mir gleichermaßen Angst. Wie werden Bolnisi und Asureti in Zukunft aussehen? Die bisherigen Renovierungsmaßnamen in Georgien stimmen zumindest nachdenklich. Stephan Wackwitz schreibt über Renovierungen der Altstadt von Tbilisi, dass Kritiker dieser Bauvorhaben anmerkten, die „historischen“ Bauten seien nur noch als „Anmutungen“ enthalten. Treffend scheibt er weiter: „Hätte man sich in den Kopf gesetzt, den kaukasischen Orientalismus der Tifliser Innenstadt in Disneyland zu rekonstruieren, wäre das Ergebnis genauso ausgefallen, wie die historischen Stadtteile von Tiflis nach ihrer Überarbeitung durch die Saakaschwili-Administration jetzt tatsächlich aussehen“.

Das gilt auch für Batumi, die Stadt am Schwarzen Meer: Sie erscheint wie ein bunter und schriller Themenpark in Las Vegas oder Mestia, dem Hauptort in Swanetien, erweckt nach den massiven Investitionen in die Entwicklung des Tourismus den Eindruck, als hätte man ein schweizer Bergdorf im Kaukasus errichten wollen. Was wird nun in den ehemaligen deutschen Dörfern passieren? Eine den Gebäuden angemessene Renovierung wäre teuer und langwierig. Darüber hinaus wurden viele Häuser seit der Deportation 1941 von den neuen Bewohnern erweitert und umgebaut: Müsste man das alles zerstören?

Vielleicht wird man mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein, denn die Häuser könnten – obwohl originalgetreu restauriert – nicht mehr „authentisch“ wirken. Wackwitz schließt sein Kapitel zu den Renovierungen in der Hauptstadt damit, dass die Bewohner und Besucher in hundert Jahren vielleicht nicht mehr die Diskussionen über mangelnde Authentizität der Renovierungen nachvollziehen werden. Nun, lassen wir uns überraschen.

Caucasus, Conflict, Culture geht in die vierte Runde

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Tserovani, ad-hoc built settlement for IDPs from South Ossetia (source see below)

Wenige Tage vor Weihnachten bekam ich eine schöne Nachricht. In der letzten Zeit reagierte ich erstaunlich gleichgültig auf wiederholt eintreffende Ablehnungen meiner zahlreichen Projektanträge. Umso überraschter war ich als die Zusage vom DAAD kam, dass die Projektreihe Caucasus, Conflict, Culture weiter fortgesetzt werden kann.

Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Südkaukasus organisieren wir regelmäßig studentische Forschungsprojekte im Kaukasus. Studierende aus Armenien, Aserbaidschan, Georgien und Deutschland forschen zu einem Thema mit Bezug zu den Konflikten im Kaukasus. Der DAAD möchte mit seiner Förderinitiative Projekte fördern, in denen Dialog und Konfliktprävention einen Raum gegeben wird. In Caucasus, Conflict Culture bringen wir Studierende zwei Wochen zusammen, die in multinationalen Teams – methodologisch und theoretisch vorbereitet – kleine Forschungen in der Regionen durchführen. Thema des kommenden Projektes wird sein:

Life In-Between: Internally Displaced Persons in the Caucasus (CCC4)

This student research project focuses on the contemporary social situation of IDPs in Georgia. Twenty students from Armenia, Azerbaijan, Georgia and Germany will be trained in anthropological theory and methodology to conduct fieldwork in multi-national teams among exiles from Abkhazia and South Ossetia. The situation of the IDPs will be approached conceptually with the notion of ‘rites of passages’ and IDPs described as being ‘in-between’. This classic but, in the given context, fresh perspective will give the participating students the possibility to construct and im-plement their own research designs. Another core aim of the project is to enable the experience of working together in multi-national teams in the South Caucasus.

Webseite: Caucasus, Conflict, Culture

Bildnachweis: en.wikipedia.org (2008), Tserovani, ad-hoc built settlement for IDPs from South Ossetia

Neue Publikation

Svan village in the municipality of Tetritskaro (Kvemo Kartli)
Svan village in the municipality of Tetritskaro (Kvemo Kartli)

Voell, Stéphane, Natia Jalabadze, Lavrenti Janiashvili and Elke Kamm 2014. Identity and Traditional Law: Local Legal Conceptions in Svan Villages (Georgia). In: Anthropological Journal of European Cultures 23, 2: 98-118.

Ich habe mal nachgeschaut, wann die erste Version des nun veröffentlichten Artikels fertig war. Das war im Dezember 2012. Nun ist der Text endlich erschienen, fast 21 Monate nach Fertigstellung. Der Artikel wurde zunächst einer anderen ethnologischen Zeitschrift eingereicht, doch diese ließ den Text nicht zu, weil er nicht ihr Profil passe. Danach schickten wir den Text dem Anthropological Journal of European Cultures (AJEC). Es folgten Gutachten von anonymen Kolleginnen und Kollegen, die einige Passage der ersten Version des Textes kritisch kommentierten. Wir haben dann Änderungen eingefügt und Absätze gekürzt. Das ist alles ein normaler und auch notwendiger Prozess. Doch es ist viel Zeit vergangen: vier Jahre liegt die Feldforschung zurück und wir schreiben auch zu Themen, die mit der Regierung unter Saakaschwili in Georgien verknüpft sind. Saakashiwili ist schon lange nicht mehr im Amt. Wir, d.h. meine Kolleg/innen Natia Jalabadze, Lavrenti Janiashvili, Elke Kamm und ich hoffen dennoch, dass der Text nicht schon jetzt völlig veraltet ist.

Eine Leistung?

"Outside of the Heydar Aliyev Center in Baku, Azerbaijan" (© Grzegorz Wąsik). Das wird wohl das Titelbild des Sammelbands.
„Outside of the Heydar Aliyev Center in Baku, Azerbaijan“ (© Grzegorz Wąsik). Das wird wohl das Titelbild des Sammelbands.

Bin ich glücklich, dass mein Sammelband endlich erscheinen wird? Zusammen mit meiner Kollegin Iwona Kaliszewska gebe ich das Buch State and Legal Practice in the Caucasus heraus. Es gibt darin zahlreiche spannende Artikel von Kolleginnen und Kollegen. Freunde und Bekannte klopfen mir, bildlich gesprochen, auf die Schulter. Es sei eine schöne Leistung, bei diesem Verlag zu veröffentlichen.

Das Buch wird bei Ashgate erscheinen, einem britischen Verlag, der sich gefreut hatte, als wir ihm das Manuskript angeboten hatten. Bis zur Fertigstellen des Manuskriptes (vor der Einreichung bei Ashgate) war es ein langer, steiniger Weg. Ich hatte darüber berichtet. Das Buch wird unglaubliche dreieinhalb Jahre nach der Konferenz erscheinen, die am Anfang des Projekts stand. Die damals vorgestellten „aktuellen“ Forschungsergebnisse sind mittlerweile historische Zeitdokumente.

Ich kann mir jetzt eine weitere Veröffentlichung in einem schönen Verlag auf meine Publikationsliste setzen. Genau dies hatten mir Freunde und Kollegen geraten: publiziere doch nicht immer in so kleinen Dingern und dann auch nicht immer nur in Marburg beim Förderverein! Eine Aussage dieser Art hatte man mir auch jüngst bei einem Vorstellungsgespräch um die Ohren gehauen.

Ashgate ist toll. Ich arbeite dort mit freundlichen und kompetenten Ansprechpartner zusammen, die wissen, was zu einem Publikationsprozess gehört. Im Gegensatz zu einigen deutschen Wissenschaftsverlagen musste hier auch nichts für die Veröffentlichung gezahlt werden. Ich muss den Text nicht selbst setzen (das machen Fachleute, nicht die Autorinnen und Autoren selbst: und das sieht man). „Nur“ den Index müssen wir noch selbst bearbeiten.

Nun, weswegen veröffentliche ich eigentlich meine Texte? Ich denke, um über meine Forschung zu berichten. Damit meine Arbeiten gelesen, rezipiert, diskutiert, kritisiert aber vielleicht auch bewusst ignoriert werden. Ich möchte, dass jeder die Möglichkeit hat, die Texte in welcher Art auch immer zu nutzen. Aber genau dies werden nicht so viele Menschen tun können. Das Buch ist einfach zu teuer: es wird wohl siebzig Pfund kosten! (Das ist vermutlich der Preis dafür, dass ich nichts für die Veröffentlichung zahlen muss. Jedoch muss man in vielen deutschen Verlagen für die Publikation zahlen und die Bücher sind dennoch teuer).

Vor zehn Jahren wollte ich meine Dissertation online veröffentlichen. „Damals“ war es bereits möglich gewesen, sie als PDF-Datei auf den Seiten der Universitätsbibliothek Marburg bereitzustellen. Es hätte auch offiziell als Veröffentlichung gegolten, hätte mich damit auch Dr. schimpfen und alle Interessierten hätten weltweit, jederzeit und kostenfrei darauf zugreifen können. Doch ich war damals im Gespräch mit einem Leiter einer großen Forschungseinrichtung. Ich sollte das nicht machen, diese online-Veröffentlichung, „bei uns“ zählten noch Bücher, sagte er.

Die Idee dahinter ist wohl, dass es in Verlagen eine Art Qualitätsmanagement mit internen oder externen Gutachtern (Peerreview) gibt. Nun, bei Dissertationen ist das ja kaum der Fall. Diese dürfen in der Regel nicht verändert werden und angenommene Doktorabreiten sind ja sowieso immer ganz toll und über jeden Zweifel erhaben. Dieses Qualitätsmanagement machen nur wenige Verlage und Reihen. Bei Ashgate gab es auch kein Peerreview, zahlreiche Kolleginnen und Kollegen hatten aber ihr Feedback auf verschiedene Teil des Buches gegeben. Eigentlich sind diese Verlage ohne Peerreview nur Vorzimmer von Druckereien, die zu drucken scheinen, was immer auch kommt, solange man zahlt. Warum also Verlage? Ashgate sei doch eine gute Leistung, sagt man mir.

Ich bin froh, dass das Buch bei Ashgate erscheint. Doch es ist sicher keine Leistung. Eine besondere Leistung wäre es gewesen, das Buch einfach online zu stellen, für alle erreichbar und ohne dass man so viel Geld ausgeben muss. Doch dann hätten viele Personen in der Community das Buch nicht als Buch sondern allenfalls als Working Paper oder Report gesehen, obwohl eigentlich das gleiche drin steht. Eigentlich ärgere ich mich über mich.